Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Oktober 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

7.X.53
abends.
Meine geliebte Freundin!
Um diese Stunde hast Du schon 2½ Tage der Erholungshaft hinter Dir und hast Dich an ihre Lästigkeiten gewiß schon einigermaßen gewöhnt. Leider ist es empfindlich kalt, so daß der Vorzug des K. H. gegenüber der Ch. K. kaum fühlbar werden kann. Ich hoffe, daß Frl. Mathy Dich heute besuchen konnte und daß sie Dir allmählich alles verschafft, was die vorgerückte Jahreszeit fordert.
Nebenbei: so viel Kohlen hast Du doch wohl noch, daß Du gegebenenfalls die ersten Tage zu Hause versorgt wärst? Andern falls müßten schon jetzt welche bestellt werden.
Ich bin in Neckargmünd nach einem Mittag, das eigentlich zu essen nicht mehr Zeit genug blieb, mit leichtem Katarrh in den Zug eingestiegen und in Tübingen mit einem voll entwickelten Schnupfen ausgestiegen. Obwohl alles ziemlich farblos war, habe ich doch die Fahrt auf der schönen Strecke sehr genossen.
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| Neckarsteinach, Neckarhausen, Hirschhorn (mit Naturalisten, aber Stauwerk leider), Eberbach, ZwingenbergMinneburg nicht sichtbar – Neckarelz, Gundelsheim, Wimpfen von fern. Zu Hause fand ich viel unerfreuliche Post, begann heute die Arbeit an einer geringwertigen Habilitationsarbeit und hielt still für den Besuch der beiden Inder, mit deren Ausbeutung der Rockefellerstiftung für eine (mehr oder minder) Vergnügungsreise ich nicht einverstanden bin. Sie hat sich heute verabschiedet, weil sie die Kälte nicht verträgt. Aber eigentlich hatte sie noch einen gewissen Charme.
Da ich am 13.X. schon wieder abreisen muß, ist viel zu tun. Vor dieser Fahrt nach Bremen fürchte ich mich etwas. Denn sie ist naturgemäß höchst anstrengend.
Durchreisende stehen dann in Fülle bevor, auch Liselotte Conrad (früher Althof), Holzhausens u.s.w. u.s.w. Es hilft nichts, wenn man sich mehr und mehr einkapselt. Wer einen finden will, findet einen doch; und die man finden möchte, bleiben fern.
Sonst ist noch nicht viel Neues zu berichten. Ich bitte Dich aber, mir
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| Deine Wünsche betr. die Zeit ab 19.X. möglichst bald mitzuteilen. Dann kann ich noch etwas tun. Bin ich erst auf Reisen, ist es schwieriger.
Mein Kopf ist etwas schnupfen belastet und gibt nicht viel her. Ich will also nur noch viele Grüße von Susanne und Ida hinzufügen. Wenn Du an die letztere einmal eine Ansichtskarte schreiben und ihr für die Cognacbohnen danken könntest, wäre es nett von Dir. Der Tag muß doch ziemlich lang und langweilig sein.
Ich bin froh, daß ich von Deiner neuen Umgebung einen direkten Eindruck gewinnen konnte. So weiß ich, won meine Wünsche und Grüße Dich zu suchen haben.
Innigst
Dein
Eduard.

[] Herzliche Grüße an Frau Röseler.