Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. November 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

6. Novbr 53.
Meine geliebte Freundin!
Es ist hier ein Kommen und Gehen von Menschen, meist nicht notwendigen Menschen, daß es sehr schwer ist, die paar Dinge, die ich noch betreibe, einigermaßen im Zusammenhang zu behandeln. So ist der Inder wieder recht lange dagewesen, und wenn Du vor dem postfreien Sonntag noch ein paar Zeilen haben sollst, so müssen sie schnell geschrieben werden und können nicht lang sein.
Wenn man 2 Monate gelegen hat, sind alle Funktionen notwendig aus der Ordnung gekommen. Für mich ist es erstaunlich, wie weit Du schon wieder bist. Die Unsicherheitsgefühle, ja Schwindelgefühle, kenne ich auch. Sie machen einem mehr Sorgen, als vielleicht begründet ist. Aber sie wechseln, bald ist es wieder besser, bald gerade zur Unzeit schlecht. Das hängt mit dem Blutdruck zusammen. Frl. Dr. Clauß, die hoffentlich inzwischen da war, wird sagen können, ob Du Überdruck oder Unterdruck hast, ebenso: ob mehr Blutleere der Blutandrang im Gehirn ist. Danach
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| wird sie ihre Vorschriften geben. Man kann aber wohl mit Hausmitteln manches erreichen, besonders, wenn man noch keinen Gebrauch von ihnen gemacht hat. Ich z. B. habe wohl den Blutdruck herabgesetzt und den Kopf relativ klar gemacht durch regelmäßigen Gebrauch von Knoblauch-Perlen "Zirkulin", je 2 vor den 3 Mahlzeiten. Das habe ich jetzt seit mehr als 5 Monaten durchgeführt, und es hat entschieden geholfen. Aber man muß natürlich eine Zeitlang warten, bis sich Erfolge zeigen.
Eine schwierige Frage ist immer: soll man sich etwas zumuten, oder kann das schaden. Im ganzen habe ich den Eindruck, daß Du zeitweise ganz unternehmend bist. Wenn der Trieb dazu da ist, soll man wohl täglich ein bißchen mehr wagen. Nur ist es leider nicht so, wie bei Zwischenfällen etwa in den 50er Jahren: ganz auf die Höhe von vorher kommt man nicht zurück.
Da nun in der St. Peterstr. noch garnichts vorbereitet ist, wirst Du doch wohl gut tun, noch bei der guten Frau Hecht zu bleiben. Leider kann ich in den häuslichen Dingen garnicht helfen, weil das eine Nachbarschaftssache ist. Aber es war doch früher von der Gemeindeschwester die Rede. Ferner kann Frau Buttmi eine Schülerin aus der Oberklasse gewinnen, die sich ein paar Mark verdienen möchte und die für Dich Einkäufe macht. Natürlich wäre es besser, wenn Du garnicht mehr allein zu wirtschaften brauchtest. Aber es hat sich leider doch kein Ausweg gefunden.
<li. Rand> Finanziell würde jedes nicht gerade feudale Altersheim zu haben sein. Es handelt sich immer nur um die freie Stelle. Von Heidelberg u. Vororten wegzugehen, würde ich bestimmt nicht raten. Man muß im alten Kreise bleiben. Ich besuche hier oft <re. Rand> im Bürgerheim einen 80jährigen, früher sehr begüterten Professor, der es recht nett hat. Sollte es in H. nichts von dieser Art geben?
<re. Rand S. 1> Gern würde ich Dir eine Lektüre schicken, die Dich wirklich ablenkt. Denn wenn man immer auf die Schwankungen des Befindens achtet, kommt man schwer vorwärts. Aber bisher habe ich auch von dieser Art nichts <li. Rand S. 1> gefunden. Das wird aber noch kommen.
Du siehst, ich mache mir Sorgen. Könnte ich doch Wirksameres machen! Für heute muß ich schließen – im Sinne wie stets.
Dein Eduard.

[Kopf S. 1] Das Seminar beginnt Montag 18–20.