Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. November 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

10. Nov. 53
Meine geliebte Freundin!
Zur Übersiedlung am Donnerstag empfehle ich, ein Taxi zu spendieren. Man kommt von Haus zu Haus und hat nicht die Umstände mit dem Gepäck. Die Mittagsmahlzeiten verlegst Du vielleicht in eines der beiden Restaurants zwischen St-Peterstr. und Eichendorffplatz. Die Rose ist vorläufig zu weit, besonders bei schlechtem Wetter, und Du solltest auch sofort nach dem Essen rufen. Wenn die Qualität etwas weniger gut ist, schadet das für kurze Zeit nichts. Den Morgenkaffee kannst Du wohl in Deiner Stube machen. Die Küche ist zu kalt; alle Übergänge müssen ganz allmählich stattfinden.
Ich hatte am Freitag in Sachen Goethe-Gesellschaft einen netten Ostzonenvertreter bei mir, von der Art jenes Tigers: "Nur keine Angst, ich bin ja auch kein richtiger!" Sonntag kam der Dr. Becker (Japan) mit seinem Auto zu uns. Es war herrliches Wetter. Nachdem Essen fuhr er uns in ¾ Stunden
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| zum Hôtel Traifelberg (800 m) Dort und auf den Felsen wimmelte es von Menschen, wie wir es im Sommer niemals gesehen haben. Seltsames Schwaben! Er brachte uns auch noch zurück, obwohl er von der Höhe der Alb direkt nach Augsburg hätte heimfahren können.
Gestern habe ich die Rousseauübungen eröffnet, und die Kraft hat durchaus zu einer Stunde Stehen ausgereicht. Es waren 80–90 Leute da. Das Gefühl, von der Aufmerksamkeit der Hörer getragen zu werden, kommt aber in mir nicht mehr auf.
Heute ist hier großer Krammarkt, ein aufwühlendes Erlebnis. Im Nachbarort Unterjesingen auf dem "Krämer-, Vieh- und Schweinemarkt" wird noch mehr geboten.
Um den 20. bis 23.XI summiert sich für mich sehr vieles. Wenn ich das alles durchhalte, hoffe ich, ungefähr am 3.XII wieder einmal kurz in Heidelberg zu sein.
Louvaris schreibt vom Berge Athos. Meinecke und Frau antworten rührend auf den Geburtstagsbrief.
Nun guten Anfang im eigenen Heim! Was für Geld an Erleichterungen zu haben ist, beschaffe ja! Alles andere muß man mit dem Bewußtsein wieder ankurbeln, daß manches kaum zu gehen scheint, aber sich doch allmählich einspielt. Dies letztere wünsche ich von Herzen. Alle grüßen. Ich bin – "wie so fern, und doch so nah" – Dein <re. Rand> getreuester Eduard.