Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. November 1953 (Tübingen)


[1]
|
<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

14.XI.53.
Meine geliebte Freundin!
Nun schreibe ich also wieder in Dein altes Heim. Mehr als 3 Monate hat dieser böse Zwischenfall gedauert. Daß wir heute so weit sind, empfinde ich mit einer tiefen "metaphysischen" Dankbarkeit. Wie ich das verstehe, wirst Du in kurzem gedruckt lesen.
Das Selbstwirtschaften hat sein Bedenkliches. Da sich aber bisher nichts anderes gezeigt hat, bleibt nur übrig, alles mit großer Vorsicht zu behandeln. Du wirst morgens und sonst nicht zu plötzlich aus dem Liegen aufstehen, jede Treppenstufe sorgfältig prüfen (dazu ist nun einmal ein Stock gut!), ebenso die Steine auf der Straße, und in diesem Winter wirst Du nach dem Dunkelwerden (16½) am besten garnicht ausgehn. Wenn Du Dich "so dusselig" fühlst, wie Du vor etwa 5 Jahren bei der Ankunft auf dem Bahnhof Tübingen sagtest, dann setze Dich erst eine Weile hin und warte ab, bis das Blut wieder ausreichend im Gehirn zirkuliert. Ich kenne das auch.
Das Wetter der letzten Tage war hier herrlich. Wir haben noch manchen Weg gemacht, so z. B. heute ganz reizend durch
[2]
| Neckarwiesen von Niedernau nach Obernau. Zwei Stunden kann ich noch gehen; aber sonst bleiben meine Zustände rätselhaft wechselnd, was man wohl Kreislaufstörungen nennt.
Es kommt nun eine Woche mit den verschiedensten Beanspruchungen: Montag Seminar. Dienstag kommt Jeangros aus Bern, Mittwoch Besorgungen in Reutlingen. Donnerstag in Stuttgart (Verfassungsfeier), Freitag in Stuttgart (mit Wenke beim Minister.) Samstag in Stuttgart: Präsidium der DFG. Am Montag 23.XI habe ich nach langer Pause wieder einen großen öffentlichen Vortrag zu halten. Eigentlich über mein Leben. Ich habe schon jetzt ein Ms. fertig; aber das ist zu lang. Die ganze Sache muß noch einmal umgegossen werden. Hoffentlich bleibt dafür noch Zeit. Denn ich muß eben doch jede Art von Anstrengung vermeiden. So etwas aber ist heutzutage kaum möglich.
Mit Frau Professor Ernst Hoffmann stehe ich z. Z. in Korrespondenz. Auf dem Gebiet der eingehenden Briefe ist auch sonst allerhand Merkwürdiges, nicht immer Einfaches.
Morgen Nachm. kommen Bollnows und Bährs (Schriftleitung der "Universitas") zum Kaffee. Deshalb schreibe ich schon heute Abend. Die gewünschte Lektüre soll beigefügt werden, wenn sie sich findet.
Für heute Abend kehre ich zu den <li. Rand> besorgten Vorschriften des Anfangs zurück und grüße Dich mit den wärmsten Wünschen. Ebenso meine im Kopf <re. Rand> auch nicht mehr ganz frische Gefolgschaft. Besonders Ida muß sich sehr schonen. Innigst Dein Eduard.
[Kopf] Gerhard Krüger, kaum 51, soll leider einen 2. Schlaganfall gehabt haben.
[li. Rand S. 1] Von "Lebenserfahrung" ist soeben das 14.–16. Tausend gedruckt worden.
[re. Rand S. 1] Solltest Du in der Chir. Klinik eine Frau Becker aus Hambach bei Neustadt als Zimmergenossin gehabt haben, bitte ich Dich, es mir sofort per Karte mitzuteilen.