Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. November 1953 (Tübingen)


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Tübingen, den 23.XI.53 mitt.
Meine geliebte Freundin!
Heute Abend ist in Stuttgart der große Vortrag, der etwas aufregend ist, weil ich mich nicht mehr so wie früher auf meine Kräfte verlassen kann. Wir fahren um 17 mit der Bahn hin und treffen erst nach 23 hier wieder ein. Das ist nun die 4. von den 5 Fahrten, die ich im Laufe von 7 Tagen nach Stuttgart zu machen habe. Die Verfassungsfeier war nicht angreifend (Schluß: 4. Satz der 9. Symphonie.) Der Besuch bei dem neuen Kultusminister war angenehm und erweckte günstige Hoffnungen. Zum Schluß mußte ich ihm sagen, daß Wenke einen Ruf nach Bonn hat (Nachfolge Litt), unser kleines Universitätchen also aufs neue gefährdet ist.
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| Die Präsidiumssitzung am Samstag dauerte wieder ihre 7½ Stunden. Ich lasse mich bei Nebel nicht gern im Auto mitnehmen. Gestern haben wir in der Stiftskirche die Regensburger Domspatzen gehört.
Zu erzählen ist sonst ein betrüblicher Fall aus Kronberg. Die Mutter von Frau Baronin v. Holzhausen (86jährig) ist in ein Auto hineingelaufen und hat eine Gehirnerschütterung davongetragen. Das Betrübliche wird dadurch erhöht, daß Christiane diesen Unfall aus nächster Nähe mitangesehen hat (ebenso wie ihre Mitschülerin Monica Kümmerlen, die Enkelin v. Frau Biermann.) Die Autos spielen in dem Leben dieses Kindes eine verhängnisvolleRolle. Sie ist an sich sehr sensibel, und im Untergrunde der kleinen Seele sieht es schon düsterer aus, als man wünschen möchte und heilen könnte.
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Ich habe mich gefreut, aus Deinen lieben Briefen zu entnehmen, daß Du Dich allmählich wieder in den Tageslauf hineinfindest. Jeden Tag ein kleiner Fortschritt im Befinden und Leisten macht bis Weihnachten schon ein nettes Pöstchen aus. Anstrengungen aus dem Wege zu gehen ist bekanntermaßen selbst im Freundeskreise nicht leicht. Da mußt Du Dir aber nun dicke Haut angewöhnen. Nicht wahr, bei Dunkelheit bleibst Du doch – mindestens vorläufig – ganz zu Hause? Daß einen jemand nach Hause bringt, nützt nämlich auch nicht immer. Bisher war ja der November so schön, wie ich ihn höchstens 1924 erlebt habe. Aber es ist doch oft morgens glatt auf der Straße und rauh in der Luft.
Die Frage nach einer Frau Becker hing zusammen mit einer
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| Anpumpung durch "Unbekannt" im Hambach bei Neustadt, womit ich wahrscheinlich wieder hereingefallen bin.
Es ist nicht mehr sehr lange hin bis zu demTage, für den mein nächster Besuch geplant ist: 3 Dezember mittags. Ich freue mich, Dich wieder am gewohnten Ort antreffen zu können. Wir müssen es so einrichten, daß keinerlei Anstrengung für Dich entsteht. Das ist überhaupt für heute der wichtigste kategorische Imperativ: "Pflege Dich mit allen Mitteln und vermeide alles, was Dir schädlich ist"!
Zum Schluß noch die Notiz: Hans Lindau, der Protokollist der philos. Abende bei Riehls, den ich tot glaubte, hat wieder geschrieben.
Von uns dreien hier ist Ida gesundheitlich noch weniger gut dran als ich. Wir grüßen Dich mit vereinten Kräften.
Innigst Dein
Eduard