Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1953 (Tübingen)


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Tübingen, den 22. Dez. 1953.
Meine geliebte Freundin!
Aus der unglaublichen Zerfahrenheit der "Adventstage" von heute versuche ich für einen Augenblick zur Sammlung zu gelangen, um Dir einen Herzensgruß zum Heiligen Abend zu senden. Es liegt uns klar vor Augen, was wir jeder für sich und doch gemeinsam an diesem Tage als schönstes Geschenk betrachten: Deine Genesung. Ich habe Dir im "Unbekannten Gott" schon gesagt: diese Dankbarkeit wendet sich nicht an "irgendwen", den wir nicht kennen. Sondern in ihr liegt eine echte Begegnung. Wenn wir darüber miteinander schweigen, so ist es das Schweigen der Anbetung und des unfaßbaren Glückes.
Mehr habe ich Dir wirklich nicht zu gestehen, als diese letzte Vertiefung unsres Bundes. Und ich weiß: Du stimmst mit ein.
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Es ist in meinem Kopf ein solches Durcheinander vom Briefe schreiben und Sendungen Empfangen, daß ich jetzt wirklich nicht weiß, ob ich Dir unsre Weihnachtspläne schon mitgeteilt habe. Das ist die Rache an den "Prominenten", daß sie von den Freundlichkeiten, die ihnen zugedacht werden (genau so lange, wie sie im Kurse stehn) zu einer Zeit des Jahres erdrückt werden, wo andre einmal sich selbst gehören. Ich sage also auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Am 2. Feiertag Nachm. erwarten wir Wenkes, wobei dann vor allem über seine Berufung nach Bonn gesprochen werden soll, die nicht, wie die Frau Minister sagt, abgeschlossen ist, aber doch wohl angenommen werden wird. Denn es ist jetzt eine allgemeine Flucht von hier. Am 27. um 15 Uhr wollen wir nach Bad Boll fahren, wo ich einen noch kaum in Angriff genommenen schweren Vortrag zu halten habe. Am 28. um 13 Uhr
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| folgt mein Geburtstagsgeschenk für die immer fleißige Susanne: wir fahren via GöppingenStuttgart nach Alpirsbach und bleiben dort genau 24 Stunden. Am 29. abends hoffen wir wieder hier zu sein, damit der "Briefbetrieb" fortgesetzt werden kann.
Seit längerer Zeit macht uns der Gesundheitszustand von Ida Sorge. Kein Mittel will recht anschlagen. Ob es sich um die kritischen Jahre oder um mehr handelt, ist noch nicht festgestellt. Sie hält täglich eine Nachmittagsruhe, und im ganzen ist ja auch die Arbeit bei uns nicht so, daß man sich überanstrengen müßte. Allerdings halte ich zu meiner eignen Disziplin daran fest, daß um ½ 8 gefrühstückt wird. Aber nach ½ 20 liegt auch so gut wie nie etwas vor, das sie am Schlafengehen hinderte.
Wie es mit unsren Köpfen aussieht, bezeugt die eine Tatsache, daß Susanne vergessen hat, den Schiller in das
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| leider allzu kleine Päckchen hineinzulegen, und daß ich dann "Eduard Spranger" hineingeschrieben habe. Du wirst bitte nachsichtig darüber hinwegsehn.
In "besseren" Tagen werde ich Dir wieder ausführlicher schreiben. Wir haben ja auch für den 8. Januar ein Wiedersehn in Aussicht. Wenn es vielleicht auch nur ein gemeinsames Mittagessen bringt, so rechne ich das doch zu den vorausempfundenen Weihnachtsfreuden.
Für heute aber muß ich schließen mit der Ankündigung, daß wir uns im Geiste am 24.XII um 20 Uhr suchen und von ganzer Seele finden werden. Sei gesund und feiere Weihnachten im schönen Frieden unsrer Gemeinsamkeit!
Innigst Dein
Eduard