Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29./30. Januar 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.I.53.
Mein liebes Herz!
Wenigstens anfangen will ich einen kurzen Gruß für Dich, wenn auch der Donnerstagsbesuch von Matussek und Frl. Reinhard vor der Tür steht! Die Woche ist mir wieder mal ganz unbemerkt vorüber geflogen, mit lauter Nebensachen und dem mühsamen Aufarbeiten der nicht endenden Briefschulden. Es gibt Tage, wo einfach kein vernünftiges Wort zu Papier kommt. – Immer noch stehen mir die Tage Deiner Anwesenheit als erhöhtes Leben vor der Seele und ich wurde mir wieder mal bewußt, wie sehr ich solch einen Aufschwung des Daseins von der Seele brauche, und nicht die immer so
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| empfohlene Schonung und Ruhe. Dabei versimple ich vollständig.
Aber ich muß solche Belebung auch festhalten, und nicht verfliegen lassen! – Davon ist nun wenig zu spüren, denn das Einzige, was Nützliches geschah, war Schneiderei, zur Neubelebung eines alten Kleides. Das hat etwa drei Tage gekostet und Kräfte sowie Gedanken absorbiert.
Auch die Angelegenheit mit den neuen Mietern überfällt mein Gefühl hie und da, und vonseiten Trudels kommt da garnichts weiter. Sie bereitet ihre Übersiedelung nach unten vor, aber irgend eine Vermittlung für den kommenden Zustand für mich ist nicht geschehen. Nur durch Frau Viktor erfuhr
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| ich, daß der betreffende Umzug wohl in der 1. Woche des Februar stattfinden wird. Von den betreffenden Menschen habe ich noch nichts gesehen.

30.I. früh. – Vorhin kam Dein lieber Brief, und mahnte mich dringend. Es bekümmert mich ernstlich, daß Du Dir Sorge um mein Befinden machst, und daß ich es nicht durch rechtzeitiges Schreiben verhinderte. Ich versichere Dir ganz bestimmt, daß ich Dir Nachricht geben würde, wenn ich etwa krank wäre. Klage ich Dir doch immer von allem, was mich bedrückt, denn das ist mir so selbstverständlich und natürlich. Gerade weil ich so ausgeglichen und glücklich durch unser Zusammensein war, ließ ich mich von all den Dingen 2.
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| und 3. Ranges so hinnehmen, um sie endlich mal von der Seele zu bekommen. Aber das ist wohl überhaupt aussichtslos, denn es ist noch immer ein unbewältigter Rest.
Dir aber hatte ich zu danken für die beiliegende Drucksache, und daß Du daran dachtest, sie mir zu schicken. Es ist sehr amüsant und von erbarmungsloser Deutlichkeit. Wenn doch solcher Spott aufrütteln könnte, wo alle ernsten Worte nicht helfen.
Von meinen inhaltlosen Tagen war so garnichts zu berichten. In mir war es so still und friedlich im Gefühl Deiner unveränderten Nähe, daß die Gegenwart zeitlos an mir vorüber ging. Verzeih mir, mein liebes Herz, daß ich Dich warten ließ. Ich hoffe, es soll nicht wieder vorkommen, denn ich möchte doch nur Ruhe für Dich sein. Grüße an alle!
Deine
Käthe.