Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. März 1953 (Heidelberg)


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<Dem Brief liegt ein Zeitungsausschnitt vom 8.3.53 bei, der auf Seite 5 des vorliegendes Briefes als "etwas Schwäbisches" angekündigt wird.>
Heidelberg. 8.III.53
Mein liebes Herz!
Heut ist schon wieder eine Woche vergangen, seit Du hier die endlosen Sitzungen mitmachen mußt[über der Zeile] est, und nicht einmal eine Stunde für das Neckartal frei halten konntest. Inzwischen hat Dir mein Brief an Susanne das Eintreffen der garnicht "verabredungsgemäßen" Postsendung gemeldet, für die ich Dir, obgleich gegen meinen Willen, herzlich danke, und ganz besonders für die lieben Worte auf dem roten Abschnitt! So etwas macht mir den trübsten Tag sonnig. Heut habe ich mich einmal wieder mit
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| dem Widerschein der gegenüberliegenden Häuser begnügt. – Die Bewirtung von meiner Seite, die Du so freundlich erwähnst, bestand freilich nur darin, daß ich mit Dir zu Mittag aß!! Leber übrigens habe ich noch nicht aufgetrieben. –
Der Bericht an die Polizei wird ja leider weiter keinen Erfolg haben. Walter sagte einmal: Diebstahl sei ja bekanntlich straflos, – da er fast nie gefaßt wird. Das Erlebnis hat mir die eigne schlimme Situation recht ins Gedächtnis gerufen, als ich den Geldbeutel und das Sparkassenbuch mit 100 M abgehobenem Geld kurz nacheinander einbüßte. Möchten wir nun den schuldigen Tribut an das Schicksal damit gezahlt haben.
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| Bei mir gingen die Tage recht ereignislos weiter. Im Hause war einmal eine verblüffende Scene mit Frau Wüst, die durch wiederholte Nachfragen des Wohnungsamtes veranlaßt wurde, die ich wortgetreu ausrichtete. Sie vermutete dahinter ein Mißtrauen von meiner Seite, das ich aber glaube, beseitigt zu haben. Wenigstens geht es seither ganz friedlich.
Am Mittwoch war Frl. Held mal wieder hier und macht mir doch einen stabileren Eindruck. Sie bedauert natürlich sehr den Fortfall Deiner Vorlesungen. – Wie steht es denn nun mit der Nachfolge? Darüber haben wir garnicht näher gesprochen. Elsbeth Gunzert(-Wille) erwähnte eine Aufsatz im Spiegel, den sie mir ausgeschnitten hatte, der
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| aber leider verlorenging, mit einer Forderung, den Lehrstuhl, den Du leider jetzt verließest, würdig zu besetzen. Hörtest Du davon? –
Was Du mir von Deinen bevorstehenden Plänen erzähltest, ist nicht so recht in mein Bewußtsein gedrungen. Jeder unverhoffte Schreck wirkt bei mir physisch wie eine Betäubung und Lähmung des Denkens. Sei darum, bitte, so gut, und schreibe mir nochmals die bevorstehenden Daten.
Meine Sorge um Mädi, die länger nicht geschrieben hatte, ist nicht begründet. Immerhin hat sie einen Arm im Gipsverband, der sie sehr behindert. Wie hübsch wäre es da, wenn ich noch in der Lage wäre, Familientante zu spielen, wie unser Tanting. Von Berlin hörte ich seit dem 25.II. noch nichts.
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Mit dem Tode Stalins ist das System nicht erledigt, es kann sich nur eventuell im Tempo seines Fortschreitens beschleunigen, wie ja die Maßnahmen an allen Grenzen andeuten. Ganz besonders beschäftigen mich natürlich die Berichte über Rügen. Noch ist die Küste Nardewitz-Lohme nicht erreicht.
Als Ausgleich schicke ich Dir etwas "Schwäbisches" mit. –  – Was aber die geistige Beweglichkeit betrifft, so ist sie wohl auch hier nicht oft unsern Begriffen angemessen, und ich erlebe da auch mit Frau Dörsam allerlei Wunder. Aber sonst kann man mit ihr zufrieden sein.
Jetzt muß ich noch womöglich zwei Briefe schreiben, darum will ich nur noch recht
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| herzliche Grüße an alle beifügen, und Dich bitten, Ida mitzuteilen, daß ich bei meinem nächsten Weg in die Stadt eine recht hübsche Dankkarte für sie suchen will. Hier draußen gibt es nur dürftiges Zeug.
Laß es Dir möglichst gut gehen und gestalte mit Zuversicht die neue Form Deines Wirkens. Du weißt ja, mit wie Wenigen Du in erster Linie stehst.
In treuer Liebe
Deine
Käthe.