Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. April 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. April 53.
Mein liebes Herz!
Nach einem ungewöhnlich schönen Sonntag habe ich das Verlangen, Dir noch davon zu berichten. Aber erst möchte ich doch mal fragen, ob Ihr wirklich am Freitag nach Tübingen heimgekehrt seid, dem ersten Tage mit besserem Wetter!?
Wie sehr wünsche ich, daß Du in Anbetracht der vorher so unfreundlichen Witterung die letzten drei Wochentage zugegeben hättet, denn eine Erholung war doch wirklich sehr notwendig. Es wäre kein Luxus. Aber wie ich Dich kenne, zweifle ich leider an der Wahrscheinlichkeit eines solchen "vernünftigen"! Entschlusses.
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Ich war natürlich umso leichtsinniger. Gestern, am Sonnabend hatte ich vergeblich in der Stadt einige Besorgungen machen wollen, zum Abschluß suchte ich Heraucourts am Schlachthof auf – auch vergeblich. Es war schon gegen Abend, und da ich nicht ganz umsonst heimkehren wollte, benutzte ich den Steg über den Neckar, um auf das andere grüne und sonnige Ufer zu kommen, wo man mit dem Blick auf Stadt und Berge einen sehr hübschen Fußweg gehen kann. In Neuenheim kommt man da in einen neuen, völlig fremden Stadtteil, und dann fand ich mich in der Nähe von Rösel Hecht. Bei ihr kam dann die Rede darauf, daß wir dies Jahr wieder nicht den gewohnten gemeinsamen Blütenspaziergang gemacht hätten, und sie schlug vor, ihn heute nachzuholen.
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| Erst zögerte ich auf den Vorschlag einzugehen, denn ich fürchtete, es wäre ein zu weiter Weg. Aber sie versicherte, wir wollten es ganz nach Belieben machen, Rast halten und umkehren, wenn es mir zu viel würde; da konnte ich nicht widerstehen, und es war gut so. Das Wetter war sonnig, leicht bewölkt, das Barometer stabil, und eine leichte Gewitterbesorgnis unbegründet. So fuhren wir um 11,15 mit dem Autobus von der Bismarckstr. nach dem Schriesheimer Hof. Von Ziegelhausen-Peterstal ist die Fahrt so sehr schön, jetzt doppelt bei der Blüte, die je höher man kommt noch in der üppigsten Entfaltung ist, von den Pfirsichen und Kirschen, zu Birnen und Äpfeln. – Am Schriesheimer Hof ist die Stelle, wo der Wagen unsern Wanderweg kreuzt, ich glaube, daß ich die Stelle am Waldesrand sah, an der wir damals saßen. – Beim Gasthaus stiegen wir jetzt
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| aus und gingen nicht ins Tal sondern rechtwinklig dazu, in Richtung zum Eichelkopf, der gerade oberhalb Ursenbach steht und auf dem eine gut ausgebaute Hütte ist. Wir machten zweimal ergiebig Rast, und die beständig wechselnden Bilder waren in den Frühlingsfarben des jungen Grüns, der goldenen Rapsfelder und dem duftigen Blau der Berge vom Melibokus bis zum Katzenbuckel, und weiter am Neckar zum Königstuhl und entlang der Bergstraße rundum von einer Fülle reichen Lebens, von waldigen Bergen, gepflegten Feldern, Ortschaften und Straßen, daß man so richtig empfand, wie schön ist der Odenwald! Am Turm haben wir lange geruht, Rösel am grünen Boden, ich auf einer Bank in der Sonne und ich war glücklich, einmal so wirklich in Sonne zu baden. Ich bin so warm davon geworden, daß ich es noch in allen Adern spüre. – Wir hatten gut zu essen mit, Rösel [unter der Zeile] hatte
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| sehr vorgesorgt, und so war es wirklich garnicht anstrengend. Nur das letzte etwas steile Stück wollte mir schwer werden. Aber ich ließ mir Zeit und nach der Pause oben in der Sonne, war ich völlig ausgeruht und machte den Rückweg ohne alle Schwierigkeit. Es ist für einen normalen Fußgänger nur eine gute Stunde. Am Schriesheimer Hof tranken wir eine Tasse Kaffee und um 17³° fuhren wir wieder das dunstige von Autostaub erfüllte Neckartal. Es ist garnicht zu sagen, wie leicht und wohltuend da oben die Luft ist!
Eine geradezu überwältigende Menge von Autos war auch da oben, sicher zwischen ein- und zweihundert, teils am Waldesrand, teils bei den Gaststätten parkend.
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| An unserm Wege war es damit mäßig, da es vielfach Fußweg war.
So, da hast Du nun einen ganz frischen, begeisterten Bericht, und wirst fühlen, wie ich bei alledem von der Gegenwart in die Vergangenheit und in die Ferne mit den Gedanken schweifte.
Wenn Du doch auch solch gute Stunden geschenkt bekommen hättest! Das ist mein inniger Wunsch und ich hoffe sehr, daß Dein nächster Brief so etwas erzählen kann. Ob Dich die Stahlfedern zuhaus empfingen?
Jetzt bringe ich diese Zeilen noch warm von Sonne und Erinnern auf die Post. Und grüße Dich und Susanne herzlich.
Deine
Käthe.