Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Mai 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Mai 1953
Mein liebes Herz!
Es ist die Zeit des Großreinemachens bei mir, und ich kann nur mit Mühe den Eifer der Putzfrau dämmen, die mich täglich damit schikanieren will. Aber das ginge über meine Kraft und ich habe mir Pausen ausgebeten.
Heut abend nun habe[] n mich die Lesefreunde imstich gelassen, und da will ich wenigstens versuchen, trotz der großen Müdigkeit ein Briefchen an Dich zu schreiben.
Nach Deinem lieben Besuch hier habe ich den Eindruck Deiner Übermüdung garnicht abschütteln können, und ich grüble
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| immer über die Möglichkeit, wie Du Dich davon befreien könntest? Du hast doch immer so gut verstanden, Maß zu halten, auszugleichen – dem hastigen Treiben zu widerstehen. Könntest Du nicht außer dem Citronensaft etwas für Deine Kräftigung tun? Wenn Du doch auch solch guten Arzt hättest, wie ich an Frl. Dr. Clauß! Ich bin am Dienstag mal wieder zu ihr gegangen, und schon ihre verständnisvolle, aber nicht sentimentale Teilnahme hat mir geholfen. Außerdem hat sie mir Pyrocal verordnet, und nach einer Blutentnahme festgestellt daß ich bleichsüchtig sei, "wie ein junges Mädchen". Das schiebe ich ganz entschieden auf das sonnenlose Zimmer, denn ich empfinde doch diese Kelleratmosphäre, der ich jetzt schon über 7 Jahre ausgesetzt bin, als ständigen
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| Mangel. Welche wohltuende Befreiung war mir der Sonnentag mit Rösel am Eichelberg! Ich habe noch tagelang die Wärme in mir pulsieren gefühlt. Jetzt soll ich nun noch Spritzen bekommen, die in der nächsten Woche vor sich gehen werden. Wahrscheinlich siehst Du mich bei der Rückreise von Bonn dann ganz verjüngt wieder!
Mit der Freundschaft hier "ist nicht viel los". Frau Buttmi ist in der Inneren Klinik, ebenfalls mit einer Blutuntersuchung. – Frau Héraucourt ist wieder zu Haus, aber der rechte Daumen ist in einem dicken Verband, und bereits mindestens dreimal mit Narkose geschnitten. – Dagegen bin ich immer noch ein Held. –
Abends liegen immer das Neue Testament und Dein neues Buch an meinem Bett. Und ich habe jetzt die so unendlich gehaltvollen
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| Vorträge 3 und 4 nach und nach mit innerstem Mitfühlen und Verstehen aufgenommen. Wie vieles von der folgerichtigen Entwicklung Deines Denkens klingt mir da aus Deinen Briefen wieder. Ich könnte angeben in welchem Zusammenhang schon damals dieser und jener Gedanke mich bewegend traf. Und wie notwendig ist in dieser Notzeit für so viele Dein Weckruf, der jedem Einzelnen die Verantwortung und die Möglichkeit der Mitarbeit vor Augen führt.
Und ich hole mir in stillen Nachtstunden abwechselnd aus beiden Büchern Trost, wenn die Gewitterschwüle der Gegenwart mich erdrücken will.
Draußen ist nach den Tagen elektrischer Spannungen starker Nordwind gekommen, der aber für Dich wohl zu viel Kälte mit sich brachte. Möchtest Du mir doch bald von besserem Befinden schreiben können. Recht herzliche Grüße an alle! In stetem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Im Hause ist es ganz friedlich zugegangen.