Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Mai 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg, 22. Mai 1953.
Mein liebes Herz!
Die Woche seit Deiner Durchreise ist so rasch verflogen, daß ich Dir davon garni –/ chts zu erzählen weiß!
So wollte ich gestern abends schreiben, als plötzlich das Licht aussetzte. Nach kurzer Pause wiederkam, und dann definitiv versagte. Ich hatte gehofft, es dauere nicht lange und setzte mich in den grünen Lehnstuhl und da schlief ich so gründlich ein, daß ich die Fortsetzung verschieben mußte, und ins Bett ging.
Es ist wohl die Folge der unerträglich schwülen Tage, die wir aushalten mußten. Aber ich möchte doch womöglich noch erreichen, daß ein Pfingstgruß zu dir kommt, und so hat es mich wieder aufgeweckt und ich sitze jetzt in der nächtlichen Stille
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| beim wiedergekehrten Licht.
Die freundliche Erinnerung an das kurze Zusammensein hat mich in der ganzen Woche tröstlich begleitet, denn sonst gab es nur unruhige Beschäftigung ohne Befriedigung. Es ist noch so viel liegengebliebene Arbeit in meiner engen Wohnung, daß es mich recht bedrückt, weil ich trotz der besten Absicht nicht durchfinde, und nur von Tag zu Tag hoffe kann, wieder Ordnung zu schaffen. –  – Vor allem ist auch eine so starke geistige Ermüdung hinderlich, die mich durch die ständige Vergeßlichkeit noch besonders lähmt und aufhält. Denn es fehlt die vernünftige Planung über die Zeit und so werde ich mit garnichts richtig fertig. In meinem Zimmer ist jetzt die Sauberkeit einigermaßen hergestellt, aber
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| es hat meine Gedanken und Kräfte ganz in Anspruch genommen, sodaß ich immer weniger zu der inneren Ruhe kam.
Aber das Verhältnis mit den neuen Mietern scheint sich zu bessern, und das wird auch zur Beruhigung beitragen. Die Behandlung bei Frl. Dr. Clauß ist fortgesetzt, aber sie kostet jedesmal viele Stunden im Wartezimmer. Frau Heraucourt u. Buttmi waren zu besuchen, sind aber jetzt beide wieder gebessert. – Aber einen tiefgehenden Eindruck hatte ich bei Frl. Dr. Clauß dadurch, daß sie mir von einer Familie erzählte, die von Rußland einen Brief des Vaters bekam, der als General in dauernder Gefangenschaft, in Krankenbehandlung ist, und der versichert, "es gehe ihm gut", unter den Gefährten wäre eine gegenseitige Hülfe und Ermutigung durch Besinnung auf früher gelernte Dichtung.
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| Er selbst tröstete seine Familie durch Hölderlinsche Verse: An Neuffer. 1794 – –  – Du wirst sie kennen. – Wie tief bewegt mich die Kraft der Seele, die unter so trostlosen Verhältnissen sich so behaupten kann. Und wie reich bin ich durch das Leben beschenkt, trotz der augenblicklichen nicht beherrschten Situation. Denn es sind wirklich nur die Äußerlichkeiten über die ich nicht Herr werde.
Und so hoffe ich auf die Pfingsttage, für die ich garnichts vorhabe und warte freudig auf die Stille, die sie mir bringen sollen.
Mögen sie auch Dir eine Pause in der ständig drängenden Überfülle der Pflichten schenken,: das tröstliche Bewußtsein einer Gewißheit höherer Lebensbestimmung. Das ist mein inniger Wunsch für Dich, und – für mich.
Grüße Susanne und Ida von mir.
Deine
Käthe.