Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. Juni 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Juni 1953.
Mein liebes Herz!
In Gedanken habe ich Dir schon viele Briefe geschrieben, aber ob sie bei Dir ankamen, ist ja sehr zweifelhaft. Denn Du hast mir für den ganzen Schweizer Aufenthalt garkeine Adresse hinterlassen und so wandern meine Grüße nur suchend von Zürich nach Bern und zurück, und nicht einmal der Tag Deiner Rückkehr nach Tübingen ist mit Sicherheit in meinem Gedächtnis!
Auf alle Fälle aber möchte ich Dich mit einem Lebenszeichen daheim begrüßen und so ist mir der stille Sonntag-nachmittag in meinem Zimmer sehr willkommen. Die Woche war doch ziemlich bewegt: Am
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| Dienstag Deine Durchreise, am Donnerstag Hermann, dazwischen allerlei "Hiesiges". Aber in Bezug auf das Letztere möchte ich gleich voraus bemerken, daß es durchaus zufriedenstellend verläuft.
Bei Deiner Abreise beunruhigte mich Deine Sorge, es möchte mit dem Anschluß der Züge nicht klappen, und ich hätte gern eine kurze Nachricht darüber gehabt. Aber ich habe mir gesagt, daß all meine Besorgnis Dir ja garnichts helfen könnte. Und nun hoffe ich wenigstens auf ein Lebenszeichen von der übrigen Reise.
Bei mir war alles sehr erfreulich. Da Hermann die Stunde seines Kommens nicht angegeben hatte, überraschte er mich freilich noch fast im Bett!, aber er macht ja ebenso wenig wie ich Schwierigkeiten und war mit dem rasch bereiteten Kaffee
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| bei aller Primitivität ganz zufrieden. Er hatte mir wirklich gute Nachrichten zu bringen: Irmgard hat seit Gebrauch der Kur des Dr. Evers keinen Rückfall mehr gehabt, und auch Mann und Sohn geht es gesundheitlich gut. Berndt Lehbert steht auch in Unterhandlung wegen neuer Berufstätigkeit. – Und Hermann selbst hat eine Vertretung in der progymnasialen Aufbauschule? in Tutzing für eine erkrankte Lehrerin, was ihn sehr freut. – In allgemeinen Dingen war unser Einverständnis so ungetrübt wie kaum je, und ich habe dabei nur zu beklagen, daß ich garnicht die nötige Gastlichkeit für ihn hatte. Denn auf meinen Vorschlag mit dem Auswärtsessen ging er sofort mit großer Bereitwilligkeit und Aktivität ein, sodaß ich eigentlich bei ihm zu Gaste war, statt umgekehrt. Er ist noch von fabelhafter Leistungs
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|kraft. Nach dem beständigen Wechsel der Reiseeindrücke in Hamburg, Schleswig, Bielefeld, Godesberg kam er nach einer Nachtfahrt hier um ½ 5 an, ging direkt aufs Schloß, von da Molkenkur, Speyererhof, Bierhelder und durch den "kühlen Grund" zu mir. Es wäre ein wunderschöner Weg gewesen!!
Und hier fand er mich bei seinem unerwartet frühen Eintreffen ziemlich benommen [über der Zeile] im Kopf, im Gegensatz zu seiner Frische. Mir hatte[] n die Erlebnisse der letzten Monate und die prinzipielle Aussprache doch so viel Nervenkraft gekostet, daß ich das erst allmälig überwinden kann. Aber ich kann Dir nur sagen, daß ich mit meinem Eingreifen Erfolg gehabt habe, und daß man mir jetzt mit Bereitwilligkeit
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| und Einsicht begegnet. – Trudel hat selbstverständlich nicht das Geringste getan, obgleich sie mir Vermittlung versprochen hatte. Ganz naiv sagte sie auf meine Nachfrage, "sie habe keine Gelegenheit gehabt"; obgleich Herr Wüst ihr persönlich die Miete brachte! – Es war gut, daß die Umstände mich zufällig zur Selbsthilfe nötigten. – Aber die große Erregung zittert vorläufig noch in mir nach, wie Du wohl auch an meiner Schrift siehst. Aber es ist die stille Angst vor jeder Begegnung in der Küche vorüber.

8.VI. Gestern und heut habe ich halbestundenlang im Liegestuhl auf dem Balkon gesessen und all die freundlichen Anerbieten der Bekannten, die mir ja überhaupt keinen Ersatz geboten hätten, sind unnötig geworden. Aber es war
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| mir wohltuend, überhaupt Teilnahme in meinen Nöten zu finden. Das Resultat der unangenehmen Verhandlungen ist die Einsicht, daß wir, vor allem Wüst's ganz im Unklaren über die gegenseitigen Verpflichtungen gelassen wurden. Sie stellten sich unter der Küchenbenutzung nur die gelegentliche Beanspruchung der Herdflamme vor. Und ich hatte versichert bekommen, es werde sich für mich nichts (an der bisherigen Benutzung der Küche für Wasserentnahme, Wäsche und Kleiderreinigung etc. auf dem Balkon) ändern werde. Dieser Passus wurde erst infolge meiner Bedenken in den Kontrakt für die neuen Mieter in meiner Gegenwart von Dr. Drechsler eingefügt. – Jetzt haben Wüst's nun eingesehen, daß ich keine unberechtigten Ansprüche mache,
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| und daß ich mindestens ebenso sehr Leidtragende bin wie sie. – Daß die Frau mit ihrem rabbiaten Temperament sich und mich fast krank machte, wird nun nicht so leicht sich wiederholen.
Verzeih, mein liebes Herz, daß ich Dich mit dieser Sache so ausführlich belästige. Ich möchte Dir nur erklären, wie es kam, und daß es grundsätzlich gebessert ist. Ich habe ernstlich Vertrauen zu dieser Besserung.
Mit weit weniger Vertrauen denke ich an die Anstrengung, der Du auf der gegenwärtigen Reise ausgesetzt bist. Könnte ich Dir doch ein wenig von Hermanns unbekümmerter Ruhe verschaffen. Er ist nicht blind für die gegenwärtige Lage, aber er hat einen Rest von Optimismus, der sich nicht unterkriegen läßt. Und brauchen wir den nicht alle? Wirst Du denn nicht
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| [über der Zeile] auch garnicht müde, immer von neuem in der Jugend und allen, die Ohren haben zu hören, die Kraft zum Widerstand gegen den Verfall wach zu rufen? Aber dieser Weckruf ist so dringend notwendig, daß Du mit Deinen Kräften maßhalten mußt, und womöglich von den ferneren Verpflichtungen einige abschieben. Laß es nicht zu einer Erschöpfung kommen, wie Du sie kürzlich als drohend befürchtetest.
Hier ist die übliche Schwüle wieder vorherrschend. Da denke ich immer mit der stillen Hoffnung, daß womöglich die Schweizer Luft frischer für Dich sein möchte. Laß mich doch bald einmal von Dir hören und zerstreue meine Besorgnis. Vielleicht hast Du viel freundliche Eindrücke und frohes Gefühl Deines Wirkens gehabt. Das ist mein inniger Wunsch. – Grüße von mir und sei selbst gegrüßt von
Deiner
Käthe.