Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juni 1953.
Mein liebes Herz!
Tage liebenden Gedenkens sind auch immer voll einkehr in die eigene Vergangenheit. Und ich bin erfüllt von Dankbarkeit im Rückblick auf den unendlichen Reichtum, den Du von Anbeginn meinem Leben schenktest. Es durfte sich durch Dich und mit Dir bewußt entfalten, was an Lebenssehnsucht und Streben in mich gelegt war. Hat doch schon Prediger Scholz mir den Corintherbrief auf den Weg mitgegeben, dessen ewige Wahrheit sich an mir bewährte. Denn lieben zu können, dedingungslos und ohne Aufhören ist die größte Gnade, die einem das Leben bringen kann. Wie zart und tief hast Du in Deinem wundervollen
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| Hamburger Vortrag an Goethe diese tiefsten Erfahrungen sichtbar werden lassen. Zu einem verklärten Bilde gestalten Deine feinfühligen Worte das irdische Geschehen göttlicher Kräfte. Unendlich ist der Reichtum, den Du in diesen von tiefsten Verstehen beseelten Bildern realer Lebenszusammenhänge ausschüttest. Und man fühlt beglückt die reine dieser erhöhten Schau.
Möchten doch recht viele Zeichen wahren Verstehens mit den Glückwunschbriefen zu Dir kommen!
Mein dürftiges Päckchen ist leider garnicht entsprechend ausgefallen. Es möchte Dir gern in dieser dunklen Zeit ein Erinnern an unbeschwerte Tage wecken. Oder waren sie garnicht so unbeschwert, wie sie uns jetzt erscheinen? Jedenfalls strahlt davon
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| ein Licht noch heute.
Von heute will ich Dir noch ein wenig erzählen. Am Montag hat mir Frau Biermann einen sehr erfreulichen Tag geschenkt. Wir haben natürlich auch viel an Dich gedacht, und Erinnerungen bis in die Leipziger Zeit ausgetauscht. Zu meiner besonderen Freude habe ich von ihr selbst ein viel lebendigeres Bild in mancherlei Einzelheiten gewonnen. Leider war vermutlich ihre Rückreise durch Hindernisse gestört, denn der DZug meldete 40 Minuten Verspätung und sie nahm dann den Personenzug, der ja viel länger braucht. Von Töchtern und Enkelkindern hatte sie Bilder, und ich sah nun also den widerspenstigen Reinhold auch.
Von dem Wenkeschen Vortrag erzählte mir Frau Buttmi mit großer Begeisterung. Er hat allgemein großen Beifall gefunden. Aber
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| der Veranstalter war über den geringen Besuch sehr empört. Es ist ein Rundschreiben erlassen, denn es sei "beschämend leer" gewesen, trotz etwa 2000? Einladungen.
Von Berlin hatte ich einen tapferen Brief meiner Schwester. Aber man spürt natürlich die stille, große Sorge, – und teilt sie.
Bei mir hier ist normale Stimmung. Die Familie hat Besuch von dem Bruder der Frau mit Gattin. Ich gehe möglichst wenig in die Küche, und werde nicht behindert. –  – An der Verzierung der kleinen Holzplatte war ich sehr fleißig, aber es ist "elende Lehrlingsarbeit" geworden. Ich dachte dabei an Deine Reise mit Ludwig, wobei er einen "Briefbeschwer" bekommen sollte! Dieser ist wenigstens noch als Heizung zu gebrauchen.
Und nun nochmals innige, gute Wünsche fürs kommende Jahr und Dank Dir für all die fünfzig und die kommenden!
Immer
Deine Käthe.

[Kopf] Grüße wie immer!