Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Juni/2. Juli 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.VI.1953.
Mein liebes Herz!
Dein Geburtstag fing gestern mit Blitz und Donner an und setzte sich mit periodischen Regengüssen fort. Wenn es ebenso bei Euch war, werdet Ihr keinen Ausflug ins Freie gemacht haben, wie ich es Dir gewünscht hätte.
Ich hatte eine sehr liebe Lektüre. Frau Biermann hat mir, wie sie bei ihrem Besuch mir in Aussicht stellte, Deine Korrespondenz mit Christian geschickt, und das hat mich natürlich innerlich sehr bewegt. Wie leise und liebevoll ist Dein lenkender Einfluß auf diesen stürmisch begeisterten Nietzsche Verehrer. Er ist Dir so treu und dankbar ergeben! Wie schmerzlich, daß in ihm
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| die zuversichtliche Anlage nicht unter Deiner Führung ausreifen konnte! Aber ein unersetzlicher Halt war für ihn dieser geistige Verkehr in der unerbittlichen Härte des Soldatenlebens. Welche Hoffnungen hat die gute Mutter mit ihm begraben! Und er war der einzige Sohn. – Aus der Leipziger Zeit hatte ich Kinderbilder der vier Biermanns und die waren nach manchen Bombenverlusten jetzt sehr willkommen.
Auch in unsrer Familie sind von vier Kindern nur zwei Überlebende da. Und nun ist schon die folgende Generation im Begriff, in die Front zu rücken. Sollen wir denn mit ihnen noch einmal all das bange Hoffen erleben? Wäre es denn nicht möglich, daß all die drohende Gewalt sich in einer gesunden Entwicklung löste?
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Schrieb ich Dir schon, daß Frau Buttmi wieder in ihren geliebten Beruf eingerückt ist, und die Vertretung einer erkrankten Religionslehrerin übernommen hat? Im Hausstand wird eine erfahrene Frau aushelfen. Hoffentlich geht alles nach Wunsch, denn ihre Gesundheit ist nicht ganz taktfest. Aber bisweilen stählt sie sich doch auch mit einer Aufgabe.
Das ist so recht eigentlich, was ich mir wünsche. Denn ich fühle mich so nutzlos und unfähig. Es gab so mancherlei innere Kämpfe, die mich erschöpften. Und ich bin mit mir selbst garnicht zufrieden.

2. Juli. Täglich war es mein Wunsch, weiter zu schreiben, aber teils allerlei Arbeit, teils eine bleierne Müdigkeit ließen mich nicht dazu kommen. Und ich hatte doch gleich danken wollen für Deinen lieben Brief, der am
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|Montag kam, und die getreue Geldsendung, die am Dienstag eintraf. – Daß Ihr das zweifelhafte Wetter am 27. so geschickt ausnutzen konnte, freute mich besonders. Vom hiesigen Hochstand des Neckars habe ich garnichts gesehen. Aber aus der Zeitung erfährt man, daß das Wasser überall viel Schaden angerichtet hat. Und immer noch bleibt die drückende Gewitterschwüle. Du schreibst von Zuständen, an denen das "Klima" beteiligt sei, und darüber klagt eigentlich ein Jeder. Man sehnt sich nach einem entspannenden Gewitter vergeblich. Ich bin dankbar, daß Du unter diesen Verhältnissen nichts gewaltsam erzwingen willst. Und was Ihr zur physischen Herstellung tun wollt, hat sich vielleicht inzwischen entschieden. Welcher Art ist denn der Badeort erwünscht? Vor allem muß er auch Wald und kräftige Luft haben!
Daß Du Dich mit einem Kugelschreiber
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| befreundet hast, ist sicher eine große Erleichterung. Ich hätte Dir das garnicht zugetraut bei Deiner Ablehnung gegen die Füllhalter. Eine Verbesserung der Schrift bringt es freilich nicht mit sich, aber hoffentlich eine Schonung für die Hand. —
Die Tage gehen so rasch wie inhaltlos vorüber. Am Sonnabend soll ich bei einem offiziellen Kaffee im Hause Heinrich anwesend sein. Am Mittwoch d. 8. haben Hedwig Mathy und ich vor, die gewohnte Fahrt auf den KönigstuhlKohlhofWaldhilsbach zu machen. – Die Stimmung im Hause ist durchweg freundlich. –
Und jeden Morgen sehe ich beim Öffnen der Vorhänge den Berg bis zur Panoramastr. dicht in Nebel gehüllt, wie sonst nie. Es
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| ist eine ganz abnorme Witterung, und sie ist ganz allgemein in Deutschland verbreitet, vielleicht auch noch weiter.
Ich wünsche Dir herzlich, daß Du Dich möglichst akklimatisierst und daß das Subjektivbefinden sich bessert. Wie tröstlich klingt mir die Gelassenheit, mit der Du davon schreibst. Wir haben ja doch eine stille Gewißheit im Laufe des Lebens errungen! Und mit solchen Wünschen will ich diese recht inhaltlosen Zeilen schließen. Unsichtbar gehen ja so viele Gedanken immer zu Dir. Grüße Susanne vielmals und auch Ida von mir.
Immer
Deine Käthe.