Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Juli 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Juli 1953
Mein liebes Herz!
Heut vor 7 Jahren waren wir beiden Vertriebenen, mir so ganz unerwartet, zusammen an der Panorama Straße, am Abhang, wo jetzt überall neue Häuser stehen. Ich werde diese Stunden und Tage nie vergessen! Es war wie ein tröstlicher Sonnenblick in all der dunklen Ungewißheit.
Und Du bist jetzt dabei, von den vergeblichen Kämpfen zu berichten, die dieser Flucht vorausgingen. Aber es ist wirklich notwendig, daß zuverlässige Nachricht von diesen empörenden Ereignissen festgehalten wird, die durch keine noch so treue Mühe zu überwinden waren. Ich verstehe gut, daß diese Erinnerungen Dir so schmerzlich sein müssen, dieses tragische Ende der Humboldtschen Schöpfung.
Und auch gesundheitlich bist Du bedrückt.
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| Ich habe das die ganze Zeit über gefühlt, aber ich mochte nicht danach fragen. Umso mehr danke ich Dir, daß Du mir davon berichtest. So male ich mir doch wenigstens nichts Unrichtiges aus. – Welcher Art sind denn eigentlich die täglich wechselnden Erscheinungen? Man kann ja freilich nicht erwarten, daß die Schädigung durch jahrelange Überanstrengung durch einige Wochen gemäßigten Tempo's gleich überwunden sei! Ich wollte, Du hättest das Talent zur Ruhe, wie Frau Buttmi. Sie war die Woche in der Klinik geradezu mit Genuß in Ruhe. Ich hatte gedacht, sie würde ungeduldig sein, aber keine Spur. Und sie erholte sich sichtbar dabei. Jetzt freilich ist sie gleich wieder sehr ermüdet.
So freue ich mich sehr, daß Ihr für den August einen Aufenthalt in so schöner Umgebung vorhabt. Da wird hoffentlich der Ausfall der Arbeit durch fleißigen Naturgenuß ausgeglichen. Hohfluh
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| ist wundervoll gelegen. Ich war mal mit unserm Tanting dort. Es ist aber solange her, daß ich wenig Einzelheiten mehr weiß. Es muß wohl schon gewesen sein, ehe wir uns begegneten. Darum ging ich heute früh zu Hedwig Mathy, von der ich wußte, daß sie es gut kennt und die zweimal da war. In meiner Erinnerung hatte es wenig Abwechslung in bequemen Wegen, wenn auch nicht ganz so wie Obstalden!! Aber Hedwig sagt, zunächst gebe es die Brünigstraße, und auch kleinere Wälder; gute Hotels wären da, und zwar besucht von meist älteren Leuten. Was ja für gesunde Lage spricht. Man ist über dem Meiringer Tal und hat auf der Wand gegenüber den Rosenlauigletscher vor sich. Spaziergänge von 1 u. 2 Stunden wären die verschiedensten, auch werde jetzt sicher Autoverbindung sein wie überall. Damit spart, bitte, keinesfalls, denn die hohe Luft strengt mehr an, als man im Augenblick merkt.
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| Für Tantchen war es damals scheinbar nicht das Richtige. Und wir waren noch so unvorsichtig eine Tour durch das Berner Oberland anzuschließen, Grindelwald, Wengen, Eigergletscher, Bern etc. Das ist ihr garnicht bekommen, so schön und wetterbegünstigt es auch war. Ich habe erst später eingesehen, wie verkehrt das Unternehmen war. Also seid Ihr nicht so leichtsinnig, sondern für die Erholung bedacht.
Du bist anscheinend in dauernder ärztlicher Behandlung. Erlaubt denn der Dr. die 1050 m? Wir hatten damals viel Föhn dort, das läge an der Richtung des Tals.
Hier ist weiter Gewitterneigung und der Tag auf dem Königstuhl war einzigartig. Aber abgekühlt ist es und das tut wohl. Ich bin stundenweise auch nahezu normal, aber es ist noch nicht stabil. Sonst geht es zur "beiderseitigen Zufriedenheit", d. h. mit Familie W.
Daß Du nicht nach Münster fahren möchtest, finde ich sehr begreiflich, wenn es mir auch ein Verlust sein wird. Aber Du hast recht und ich rede zu.
<li. Rand> Für heute Schluß, denn ich will den Brief noch fortbringen. Mit vielen <li. Rand S. 3> guten Wünschen für Dein Befinden grüße ich Dich innig. <li. Rand S. 2> Und an Susanne und Ida erwidere die Grüße von
Deiner Käthe.