Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Juli 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Juli 1953.
Mein liebes Herz!
Ein stiller Sonntag-Nachmittag soll mir ein Plauderstündchen mit Dir gönnen. Ich habe mich an dem Morgen, der zwischen Gewittergüssen und strahlender Sonne wechselte, so gründlich vom Nichtstun der ganzen Woche ausgeruht. Es gab auch einen und einen halben Tag in der letzten Zeit, an dem man sich tatkräftig und frei fühlte, aber das war ein kurzes Glück. Ob es Dir ebenso ging? Sehr groß sind ja die klimatischen Unterschiede nicht zwischen hier und Tübingen. Bei uns war ein ganz allgemeines Aufatmen. – Natürlich denke ich viel an Eure Reisepläne, von denen ich so viel Gutes für Dich erhoffe. Aber deswegen ist es doch auch nicht ausgeschlossen, daß Dein Befinden auch jetzt schon fühlbar besser wird bei konsequenter Schonung. Man darf sich aber in solcher Schonzeit nicht fortwährend mit dem Bewußtsein eines
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| schmerzlichen Verzichtens quälen. Es ist ganz sicher nur ein Übergang in eine andere Lebensweise, die bestimmt auch eine neue wichtige Bedeutung für Dich hat. – Damit meine ich natürlich die Steuererklärung nicht!, die hoffentlich bald überwunden war, und bei der Arbeit an den Universitäts-Erinnerungen denke ich immer, daß es eine Zeit geben wird, in der man an dies würdige Weichen vor der Gewalt wieder anknüpfen wird mit einer Neuschöpfung, wie s. Z. hier in Heidelberg. Wir sehen freilich gegenwärtig nicht diese Möglichkeit, aber wir glauben doch an deutsche Lebenskraft.
Daß ich Dich am 30.VII. nicht sehen soll, ist mir ja eine schmerzliche Enttäuschung, aber ich verstehe, daß Du gegenwärtig diese Reise scheust.
Bei mir ist nach einiger Zeit völliger Ebbe jetzt wieder eine Art Wechsel zwischen Auf
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|raffen und Versagen. Ich kenne auch nur zu sehr dies rasche Versagen. Aber es tut nicht gut, es gewaltsam zu überwinden. Der Bummel nach Waldhilsbach war gerade das Richtige. – Möchte doch für Dich Euer Plan mit Hohfluh dasselbe sein. Ich habe meinen Besitz aufs gründlichste durchforscht nach eine Photographie von dem "Chalet", in dem wir damals wohnten, aber es muß abhanden gekommen sein. Vielleicht war es bei den Andenken, die in der großen Kiste waren, und die in Rösel Hechts Keller verschimmelten. So geht es ja oft mit verlagerten Sachen. Und ich bin im Grunde froh um alles, was von meinem Kram von selbst abfällt. – Hat eigentlich Käte Silber Euch den Aufenthalt empfohlen? Wenn Du daran denken solltest, sage ihr doch, daß ich sehr bedaure, sie nicht auch hier wiederzusehen!
Meine geplante "Reise" für 3 Tage nach Dielbach zu Kohlers scheint nichts zu werden.
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| Es sollte im Juli ein Termin festgesetzt werden, aber ich habe nicht mehr davon gehört, und fragen mag ich nicht.
Manchmal habe ich ein grenzenloses Verlangen nach einer Veränderung. Ich bin ja oft wie eingefangen in diesem bei trübem Wetter so dunklen Zimmer. Der Verkehr mit Frau Wüst ist auf einem ganz friedlichen Fuß. Aber bei mir ist die Unbefangenheit weg, und ich überlege mir dreimal, ehe ich in die Küche gehe. – Aus dieser Gemütsstimmung heraus mußt Du es verstehen, daß ich am Freitag auf Veranlassung von Heraucourts mit ihnen in den Circus Hagenbeck ging. Es weckte mir die Erinnerung an damals, als mein Vater mich mitnahm in den Circus Renz, wo mir hauptsächlich die wassergefüllte Arena imponierte. – Jetzt war es mir eine angenehme Ablenkung 2½ Stunden lang in fortwährender Spannung mich selbst zu vergessen, und das fabelhafte Können der Menschen
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| und Tiere machte mir entschieden Eindruck. Irgend welcher Nervenkitzel war nicht dabei, oder ich hatte kein Organ dafür. Es funktionierte alles tadellos.
Daß das Haus in der Fabeckstr. jetzt vermietet ist, freut mich. Sind eigentlich noch Möbel von Euch darin? – Aber sonst kann man ja nicht mit Beruhigung an Berlin denken. Es flackert da allerlei auf, was Besserung verspricht, aber keine Dauer haben kann. –
Ich blättere in meinem Gedenkbuch, in dem auch im Juli mancherlei angemerkt ist. Ich staune oft über die Jahreszahlen, wie weit sie zurückliegen! Auch bei Sachen, die mir noch so nahe gegenwärtig sind. Und Gegenwärtiges haftet nicht! Darum will ich jetzt schließen mit dem, was immer da und unvergänglich ist und Dich in diesem Sinne grüßen.
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Ich lege Dir den Bericht über das Buch von Alfred Weber bei, der mir nichts eigentlich Neues zu sagen scheint. Er spricht theoretisch aus, was Du in beständigem Wirken ausübst.
Nun grüße Susanne recht herzlich von mir. Hat sie nicht auch unter der ewigen Schwüle so gelitten? Gruß auch an Ida!
Und viele gute Wünsche für Dein subjektives und objektives Befinden, und daß es ebenso wie meines in der Besserung sei!
In stetem Gedenken
Deine
Käthe.