Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juli 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.VII.1953
Mein liebes Herz!
Schon seit dem Empfang Deines lieben Briefes, der sich mit meinem kreuzte, war es meine Absicht zu schreiben. Und nun hast Du mir auch noch die schöne Berner Rede geschickt! Ich hatte die Radio-Übertr[über der Zeile] agung damals hier nicht auftreiben können, denn meine Bekannten haben meist den Schweizer Sender nicht. Und so konnte ich erst jetzt, ganz in der Stille für mich, den Gedankenreichtum auf mich wirken lassen. In Bezug auf das allgemeine Leben ist da eine solche Fülle von Bezügen, die vor einem aufleuchten, und ganz persönlich fällt mir dann auch immer irgend ein Ausspruch, ein Urteil von Dir ein, in dem ein einzelnes Resultat in Deinen Briefen oder im Gespräch zusammen
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|gefaßt war. Wie gut ists, daß dieser Vortrag, der bei seinem raschen Vorüberziehen garnicht in seinen Einzelheiten voll erfaßt werden kann, nun für viele auch zu gedanklicher Vertiefung erhalten wurde. – Habe Dank: dafür, für den Brief und überhaupt!
Denn der Brief gab mir doch den Eindruck, daß Du Dich in der augenblicklichen, nicht erfreulichen Lage zurecht rückst. Und das wirkt auch auf mich befreiend. Von Knoblauchpillen habe ich schon bei Frau Héraucourt gehört, und da haben sie offenbar gut geholfen. Das andre Mittel, wenn es ohne ärztliche Verordnung zu erhalten ist, kann jedenfalls kein Giftstoff sein. – Das Beste für uns alle wäre jedenfalls, wenn endlich diese ewige elektrische Spannung aufhören würde. Kaum atmet man mal für Stunden hoffnungsvoll auf, dann ist der Druck schon wieder da.
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Wie es nun mit Deiner Absicht in Bezug auf die Sitzung in Münster ist, wüßte ich gern, so bald Du entschieden bist. Denn es geht mir wie Dir mit den Besuchern! und ich mache gern meine festen Pläne. Keinesfalls möchte ich Deine Durchreise versäumen, sollte es auch nur eine Begrüßung am Bahnhof sein. Nun ist gestern endlich der lange angekündigte Besuch von Gertrud Kohler gewesen und dabei haben wir verabredet, daß ich in der ersten Augustwoche mal zu ihnen auf den Katzenbuckel kommen möchte. Am gleichen Tage meldete Gisela Gaßner, die ich mit Mann und Tochter zu heut eingeladen hatte, daß sie lieber am 2. August, und zwar mit einer Tochter von Hilde Malcus (jetzt Winterfeldt) kommen wollen. Da habe ich sofort abgesagt. Und außerdem habe ich mit denen nicht die geringste Beziehung,
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| und die bloße Familienbeziehung durchs siebente Glied bedeutet mir nichts.
Aber mit Kohlers ist das anders, das würde ich gern für beide Teile nach Wunsch einrichten. Und es wäre doch schön, mal für ein paar Tage der Heidelberger Luft zu entfliehen!
Héraucourt's werden um diese Zeit auch dort oben "Ferien" machen, in einem einfachen Gasthof in Mülben bei Strümpfelbrunn; dort ist Höhenluft und Wald - es scheint mir recht verlockend!
Wie wird es Euch mit Hohfluh ergehen! Ich bitte Dich innig, nicht aus irgend einer Rücksicht Strapazen auf Dich zu nehmen, sondern geradezu erpicht auf Ruhe und Erholung zu sein. Frl. Silber ist bestimmt sehr rücksichtsvoll und hat Verständnis. Du mußt auch bedenken, daß alles Steigen dort schon über 1000 m. beginnt. Und Du mußt Dich erst akklimatisieren! Ich
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| hatte damals nicht die mindeste Einsicht und Erfahrung in der Wirkung von Höhenluft, und sehe eigentlich erst jetzt ein, wie ungeeignet die ganze Reise für unser Tanting war. Mach Du es vernünftiger, aber ohne Ängstlichkeit, sondern mit Behagen! Aufwärts fahren, abwärts zu Fuß!!
Frau Buttmi ist froh, daß jetzt Ferien sind. Sie hat natürlich die Vertretung durchgehalten, und jetzt steht allerlei Hausbesuch bevor. Sie hat weder Talent zur Ruhe noch nimmt man (d. h. der Mann!) Rücksicht.
Von Frau Biermann sagte mir kürzlich mal ein Briefchen, daß ihr hübsches Haus jetzt für Familie Kümmerlen freigegeben ist. Das hat, wie ich im stillen vermute, eine frohe und eine etwas schwierige Seite. Denn nun wird die gute Großmutter keine stille Zuflucht
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| mehr haben.
Bei mir ist die häusliche Atmosphäre dauernd freundlich. Wir sehen uns oft tagelang kaum, aber ich merke öfters daß Frau Wüst die Absicht hat, Rücksicht zu nehmen. Und heute hat sie mir ganz überraschend einen ganzen Teller voll selbstgebackenem Kuchen geschenkt; sie erwarten einen Besuch, der sie offenbar sehr freut, und da hat sie gebacken wie bei einer Kindtaufe! Da hätte ich mein übliches Hefestück sparen können! –  –   –
Frl. Reinhard hat mir eine sehr inhaltreiche Zeitschrift geliehen: Ruperto-Carola, Mitteilungen der Vereinigung der Freunde der Studentenschaft d.U.H. (e.V) 5 Jahrg. 9/10) Herausg. Gerhard Hinz, Senatsassistent der Uni. — Inhalt ist sehr vielseitig, geschichtlich und biographisch bis in die
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| Gegenwart hinein, auf 244 Seiten. Es freut mich, so manches darin zu finden, was ich miterlebte. Ich würde es Dir gern zeigen, aber man kann es vermutlich nicht einzeln haben, und das Heft habe ich nur für eine Woche. –
An die beiden Verstorbenen, Frau Dessoir und Frau H. Maier, denke ich manchmal; wie traurig ist doch der Ausklang bei beiden! Für mich gehen damit immer mehr von den Menschen fort, die ich in Deinem Lebenskreis kannte.
Meine Gedanken sind gern in der Vergangenheit: "so lang noch Bilder bessrer Zeit um unsre Seele schweben" – aber nicht nur deswegen "ist der Schmerzen wert dies Leben", es ist noch eine Gegenwart voll ungetrübter Sonne in mir lebendig.
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Habt Ihr eigentlich in Hohfluh schon fest bestellt? Und wie heißt das Hotel? Unsre Pension hieß, glaube ich, Hasliberg.
Der Kugelschreiber hat sich anscheinend nicht bewährt. Er eignet sich wohl nur als Ersatz für Bleistift. – Ich muß notwendig einen neuen Füllhalter haben, aber ich maikäfere schon lange vergeblich daran. [über der Zeile] oder – dazu?
Überhaupt bleibt so viel ungetan, was mich oft bedrückt. Jeder weniger gewittrige Tag läßt Hoffnung und gute Vorsätze aufleben, aber ich bleibe immer im Rückstand.
Jetzt will ich den üblichen Abendspaziergang in der Von der Tann- und Gärresstraße machen. Die obere Panorama ist mir zu sehr auf und ab.
Richte, bitte, die üblichen Grüße von mir aus, und sei selbst sehr herzlich gegrüßt von
Deiner
Käthe.