Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. August 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7.8.53.
Mein liebes Herz!
Du wirst meinen letzten Brief noch vor der Abreise bekommen haben. Kaum war er fort, da fiel mir ein, daß ich die Hauptsache, die ich schreiben wollte, vergessen hatte. Aber da kam die Vorbereitung für die kleine Reise und am 1. diese selbst, nicht wie ich mir wünschte mit dem "Odenwald-Expreß", sondern, wie Gertrud Kohler am Tag zuvor schrieb, mit einem Zug, der um 14 Uhr in Eberbach ankam. Bärbel sollte mich abholen, aber es kam Otto, nachdem ich schon allein nach dem Postauto ausblickte, und wir mußten dann noch zusammen bis 15.20 warten. Das war in der Anlage am Bahnhof gut und gemütlich, im Schatten, ein nettes Plauderstündchen. Aber von dem kurzen Aufenthalt auf der Höhe ging ein
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| halber Tag verloren. Ich hatte doch solch Verlangen nach der freien Luft da oben! – Dann aber war auch das erreicht, (nach schauderhafter Enge in Bahn und Auto) und ich erlebte mit dem Ehepaar bei durchweg gutem Wetter zwei hübsche Ferientage. Alles steht da oben in Erwartung der Ernte, teilweise war schon das Korn geschnitten, und es war wichtig, wann und wie es ohne Regen möglich sein wird. Wir gingen nachmittags noch auf den Acker, den ich schon von früher kenne, und der mit gutem Weizen bestellt ist. Daneben die Kartoffeln in Blüte und ohne Käfer! Auch der Sonntag war sonnig, und ich sah, was es im Garten an Beeren und Blumen gab, saß in der Sonne und schlief nach dem Essen. Es ist solche Wohltat in solcher Ruhe da, und es blieb sogar auf den Feldern Sonntagsruhe trotz des täglich gefürchteten Regens. – Gegen Abend machten wir wieder zu dritt einen Spazier
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|gang, nicht wie gestern einen "Flurgang", sondern in den schönen Wald gegen Weißbach. Die Nächte sind wunderbar in der lautlosen Stille, nur gegen morgen gackern die Hühner. Vielleicht als Kontrast, vielleicht nur aus Gewohnheit wird leider auch im Haus Kohler etwas viel Radio angedreht. Nur Nachrichten und Musik – aber mir zu viel. Den Montag mußte ich auf Gertruds Wunsch schon mit ihr um 14.20 nach Eberbach zu Ursel fahren, aber das Wetter mit leichtem Wind machte es ganz erträglich. Dort in Eberbach haben die jungen Leute ein hübsches Häuschen und zwei ebenfalls hübsche Buben. Da hat mir besonders der jüngere sehr gefallen. Als die Mutter ihn auf dem Arm ins Zimmer brachte, wollte er bei meinem Anblick sofort wieder kehrt machen und er hielt sich auch länger in ablehnender Ferne. Aber dann siegte die Neugier allmälig und
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| zum Schluß lief er zu mir und nannte mich Oma. Er spricht noch ganz wenig, aber er beobachtet still und gründlich, ist 1½ Jahre alt. – Anfangs war ich von der Unruhe nicht erbaut, aber dann fesselte mich der ernsthafte kleine Kerl. Und so bin ich nach diesem Abschluß recht befriedigt von dem Ausflug zurückgekommen.
Sehr hübsch war dann hier die Begrüßung durch Frau Wüst, lebhaft und herzlich. Sie fragte dann gleich, ob ich etwas zu essen hätte, und half mir mit Butter und Milch aus.
Das war Montag abends. Ich hatte viel an Dein "Aufräumen" und dann an die Fahrt gedacht, die Du mir mit der Zeitangabe gemeldet hattest. Aber von dem üblen Wetter hatte ich keine Wirkung in der Ferne, stellte mir Euren Einzug dort ebenso sonnig vor, wie es hier war. – So hat mich Deine so
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| erfreut begrüßte, liebe Karte doch etwas betrübt. Ich hoffe nun herzlich, daß Du in der Zwischenheit auch allerlei Vorzüge entdeckt hast, z. B. eine schattige Bank in erreichbarer Nähe, und vor allem, daß Du mit der nötigen Ruhe und Vorsicht Dich an den großen Höhenunterschied gewöhnt hast. Wahrscheinlich wäre es richtiger gewesen, das mit einer Übergangsstation zu machen. Du wolltest doch Ruhe suchen, aber das sollte nicht mit Unbehagen verbunden sein. Es ist wohl im ganzen bezeichnend, daß mir außer dem schönen Ausblick über das Tal garnichts Bestimmtes im Gedächtnis geblieben ist. Könnt Ihr nicht größere Spaziergänge talab machen und dann von Meyeringen zurückfahren? Ihr habt ja doch Schweizer Geld! Ich gebe Dir Deine
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| übliche Ermahnung gegen den "Geiz" zurück. Recht unangenehm ist das Ausbleiben der Koffer. Ich denke, sie werden aber bald richtig dirigiert sein. Es ist wohl ein sehr großer Betrieb in dieser Zeit.
Nachdem ich mich einen Tag von dem Unternehmen ausgeruht hatte, kamen dann am Mittwoch Gisela Gaßner mit Tochter und Nichte, auch einer Enkelin von Onkel Hermann, die mir gut gefiel. Es war ganz nett, aber ich selbst ziemlich stupide. – Jetzt plane ich nun in der Stille, noch irgendwie etwas Sommer und Sonne zu erhaschen. Héraucourts gehen im September nach Mülben, das ist auch am Katzenbuckel. Vielleicht können sie mir dort für ein paar Tage Quartier verschaffen. –
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Und vorher kommt aber die Hauptsache, von der ich gehofft hatte, sie mit Dir Ende Juli mündlich verhandeln zu können: der 31. August. Nach allem Überlegen schien es mir doch das Erwünschteste, Du kämst hierher! Du schreibst das auch schon selbst im letzten Brief. Aber wenn Du irgend einen andern Wunsch hast, ist mirs ebenso recht. Nur laß es mich bald wissen, und richte Dich, ich bitte herzlich, so ein, daß Du über Nacht bleibst, denn sonst geht mehr als der halbe Tag mit der Fahrt drauf. Und schreib mir gleich, wo ich Dich anmelden soll, damit es klappt. —  —
Bis dahin wird, wie ich dringend hoffe, die Erholung für Euch beide gute Fortschritte gemacht haben. – Grüße Susanne und Fräulein Silber herzlich. Mit innigen Wünschen ist immer bei Dir
Deine
Käthe.