Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. September 1953 (Heidelberg/Chirurg. Klinik)


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Sonntag.
Heidelberg. Chirurg. Klinik Abt 9. C
13.9.1953.
Mein lieber, einziger Freund!
Da die Besucher jetzt fehlen werden, will ich doch versuchen, selbst auf Besuch zu gehen! D. h. sichtbar, denn unsichtbar bin ich es beständig. Es war doch wunderbar schön, daß Du die vielen Stunden so in Ruhe bei mir warst, und ich meine, es war auch gerade die rechte Zeit dafür. Du hast mich in gutem Fahrwasser getroffen, und weißt jetzt, daß ich geduldig standhalte. Deine Anregungx [li. Rand] x an die Ärzte ist von dauernder Wirkung geblieben, denn es wird mir immer wieder versichert, daß ich hier bleiben solle, solange es nötig ist. Ich vertraue, daß auch die äußeren Schwierigkeiten mit Kleidung etc. sich ordnen werden, bis ich in den Kümmelbacher komme. In irgend einem der vielen Blättchen, die ich eben lese, stand: "ich fühle mich getragen wie eine Feder im Sturm", und daran ist etwas Zutreffendes: die innere Leichtigkeit, die auf einem Gefühl der Geborgenheit beruht. Und im tiefsten Grunde ist das eben die Gewißheit unsrer tiefen Verbundenheit in einer höheren Welt. Und das ist mir ein Vorklang der Ewigkeit. Ich kann Dir garnicht sagen, wie dankbar ich Dir, Deiner Treue und der höheren Fügung bin, die uns zusammen führte.
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Die Tage hier vergehen in gewohnter Eintönigkeit, und bei wechselndem Wetter. Besonders freut es mich, daß häufig zwischen 11 u. 12 Uhr die Sonne auf mein Bett scheint. Mit dem Aufstehen ist es am Sonntag nichts, da die Schwestern (d. h. 3 davon) Urlaub haben und die andern 3 dadurch doppelte Arbeit haben. – Heut vormittags hat Gundel Buttmi mir zwischen ihrer Tätigkeit (in der Frauenklinik als Famulus) einen gemütlichen Besuch [über der Zieie] gemacht. – Jetzt gegen 16 Uhr ist das Zimmer unruhig von vielen Menschen; aber ich habe am offnen Fenster meine stille Welt für mich.
Ich hoffe, Ihr konntet einen netten Ausflug machen, als Nachkur von Hohfluh. – Über Deinen lieben Brief habe ich mich sehr gefreut und danke Dir innig. Selbstverständlich kannst Du das Schreiben nicht in dem bisherigen Tempo fortsetzen. Glaube ja nicht, daß ich das nicht voll verstehe. – Ein ähnliches Erlebnis wie Du mit dem Flüchtling aus Leipzig hatte ich auf einer der Fahrten nach Maulbronn. – Mit einem Stock werde ich mich wohl kaum befreunden, besonders weil ich ihn mit der rechten Hand nicht benutzen kann. Ich muß wohl warten, bis das Gleichgewicht wieder sicher ist. – Aber fragen muß ich leider: Wer ist Theo Baensch?
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Du siehst, das Papier hat nicht für meine Geschwätzigkeit ausgereicht. Und doch steht eigentlich nichts von alledem darauf, was ich gern schreiben wollte. Von all dem inneren Erleben, das mir diese Wochen gebracht haben. Du wirst es Dir wohl in der Hauptsache denken können.
Darum für heute nur noch die allerherzlichsten Grüße an Euch Drei und Dir noch einmal vielen Dank und treue Wünsche für Dein Ergehen. Möchte sich das Resultat aus der Naiv und Sentimentalen Dichtung sich bald in Dir "verdichten".
Immer in treuer Liebe Deine Käthe.