Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18./19. September 1953 (Heidelberg/Chirurg. Klinik)


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Heidelberg. 18.9.53
Chirurg. Klinik
Mein geliebter Freund!
Ich war sehr faul die letzten zwei Tage, aber das soll nicht so weiter gehen, denn ich Dir habe ja zwei liebe Grüße von Dir bekommen, mit denen Du mich froh gemacht hast und für die ich Dir innig danke. Jetzt, Freitag 17½ Uhr, fällt es mir schwer auf die Seele, daß Du diesen Zettel erst am Montag bekommen wirst. Diese Woche war eben sehr arm an Besuchen und das Massieren und Üben absorbiert viel Aufmerksamkeit. Die Fortschritte sind nicht so fühlbar, wie ich gehofft habe. Die bewußte Stelle am Oberarm in der Höhe des Ellenbogens bleibt ein hartes Hindernis. Mit allen Anderen bin ich zufrieden.
Den Goethe-Vortrag mit all seinen lieben vertrauten Gedanken las ich mit Freude wieder und beschäftigte mich eingehend damit. Aber der nachfolgende Brief war noch beglückender. Ich bin froh, daß Ihr das schöne Wetter noch
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| benutzt habt. Jetzt stehen nun die Staatsexamen bevor und es ist auch regnerisch geworden.

19.9. Man sollte nicht meinen, daß man bei diesem stillen Leben "keine Zeit" zum Schreiben haben kann! Da ist immer irgend etwas "los", Waschen, Kaffeetrinken, Aufstehen, Ärztebesuch, Spazierenführen den ganzen endlosen Gang – – da haben wir es bei Deinem Hiersein doch gerade gut getroffen, durch Zufall und Rücksicht, denn vor 3 Tagen kam abends unvermutet Dr. Heß und verbot im Namen des Oberarztes den vielen späten Besuch. Es war ja wirklich bei uns ein wahres Familienleben, bei Frau Witek z. B. 4–5 Personen. Aber alle vertrugen sich sehr gut und es ist entschieden viel weniger Unterhaltung, und es wird fast nur von den jeweiligen körperlichen Beschwerden geredet! Da ist es doppelt zu bedauern, daß heut die kleine Hannelore entlassen ist, die uns mit ihrem unbefangenen harmlosen Geplauder erheiterte. Statt dessen kam eine schrecklich elende Frau Pfarrer, die vorläufig noch schweigt.
Vorhin kam Dein lieber Brief vom 18. – Du
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| hast ganz recht, daß der Fensterplatz auch zugig sein kann, aber ich bin vorsichtig und habe ein warmes Jäckchen. –  – Mitte oder Ende der nächsten Woche soll ich nun auf den Kümmelbacher überwiesen werden. Wer weiß, ob es dort auch so nett ist, wie hier, wo ich mich so gut eingelebt habe.
Am Montag kommt hier wieder Hedwig Mathy zu mir, die unermüdliche Helferin. Sie war auch in dieser Woche zweimal da. Und so streng auf die Minute ist es mit der Besuchszeit nicht. Für die Übersiedelung hat sie das Nötige aus meinem Zimmer geholt und so wird es schon klappen. – Daß Dein Freund Theo nur so kurze Zeit bei Euch blieb, ist recht schade. Wird er durch Beruf nach Haus gerufen? Wie und wo lebt er? Ich habe eine sehr deutliche Erinnerung daran, was Du mir von ihm schriebst, aber ich wußte damals seinen Zunamen nicht. Ich denke dabei auch an die Haushofferschen Verse. – Wie seltsam ist auch die Verknüpfung mit dem Grafen York, diese stille Verbundenheit unter den Menschen. – Wie kommst Du eigentlich zu der Frl. Wahnschaffe? Für mich ist da die Beziehung nach Mauren: Familie v. Dusch, besonders die [unter der Zeile] jüngere Tochter Else, die ich beim Begräbnis
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| von Paula Seitz wiedersah. Die ist wieder Freundin von Frl. Dr. Clauß – und so laufen die Fäden von Mensch zu Mensch. Meine große Schüchternheit hat mich [li. Rand] oft verhindert, solche Beziehung näher zu knüpfen; aber was ich festgehalten habe, das ist fürs Leben.
Es ist eine rechte Schmiererei mit diesem Papier auf einem Pack Zeitungen gegen das aufgestellte Knie. Aber ich möchte doch so gern ein wenig mit Dir plaudern. Mitzuteilen habe ich freilich nichts. Von dem, was mir in stiller Betrachtung durch den Sinn geht wäre wohl allerlei zu sagen, aber es fehlt in dem Durcheinander der Stimmen um mich die ruhige Stimmung.
Damit der Brief noch fortkommt nur noch tausend herzliche Grüße, Dir und den andern!
Immer
Deine Käthe.