Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./26. September 1953 (Heidelberg/Chirurg. Klinik)


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Heidelberg. Chirurg. Klinik
25. Sept. 53.
Mein geliebter, einziger Freund!
Der Himmel hat es nicht gewollt, daß der Brief diesmal pünktlich zum Sonntag zu Dir käme! Gestern waren plötzlich Gisela Gaßner und ihre Tochter Heike da. Die Nachricht von meinem Aufenthalt war auf sehr merkwürdige Art zu ihnen gekommen: In Marburg bei der Bestattung von Ila hat es ihnen Walter erzählt! Der hatte es natürlich von Schwidtals. Von Ila war die nähere Nachricht überraschend, wie ihre Art es immer war. Sie ist in einem Hause, wo sie irgend etwas ausrichtete, bewußtlos geworden und nicht wieder zu sich gekommen. Man vermutet natürlich Herzschlag. Ich kann nur sagen: wohl Ihr! Was hätte bei längerem Siechtum aus ihr werden sollen bei ihrem unsteten Wesen! Zu Gaßners kamen dann noch Hedwig Mathy und Frl. Reinhard – das war natürlich viel.
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Frau Oswald ist überraschend plötzlich nach Haus entlassen worden, und ging im Gefühl der noch vorhandenen Schwäche etwas besorgt, aber doch sehr glücklich.
Ich bin gestern zum erstenmal mit dem Arm in den Heißluftkasten gesteckt, und anschließend massiert worden, wie gewöhnlich. Das war ganz angenehm und schien mir vielversprechend. Heut wurde ich wieder hinunter befördert, aber es war derart überfüllt, daß ich, mir ganz selbst überlassen, eine Stunde auf dem Holzstuhl warten mußte, bis mir schwach wurde. Ich kann nun mal das untätige Warten nicht vertragen. Die Oberschwester ließ mich auch wohlwollend mit dem Aufzug raufbringen. – / – Ich mußte aufhören, auf dem Tisch zu schreiben, denn die Masseuse kam.
Jetzt geht es nun weiter, wieder im Bett, bei offenem Fenster neben mir. Es war unangenehm schwül, aber jetzt recht angenehm. – Für Deinen lieben Brief, der gestern kam, danke ich Dir herzlich. Ganz besonders freue ich mich natürlich auf die Möglichkeit
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| Deines Besuches, wenn ich erst auf dem Kümmelbacher bin. Als wir zusammen dort Kaffee tranken, redeten uns ziemlich ausführlich Mutter und Tochter Grassi an, was etwas unbequem war. –
Was die hartnäckige Stelle am Oberarm betrifft, so ist sie von Anfang an als Bluterguß bezeichnet worden. Aber ich habe gleich den Verdacht gehabt, daß eine Zerrung von der verrenkten Lage des Arms mitspricht, was auch der beurlaubte Stationsarzt zugab. Gerade gestern versicherte mir aber Frau Eisinger beim Massieren, das sei allmälig durch Üben zu überwinden. Bei meinem Alter müsse ich eben Geduld haben! Auf dem Kümmelbacher ist man zu zweit im Zimmer, was seinen Vor- und Nachteil haben kann. Nach Gesellschaft irgend welcher Art habe ich aber kein Verlangen, wie ich ja auch hier mehr passiv bin. Immerhin wird man hoffentlich nicht mehr garso viel Leidensgeschichten mitanhören müssen.

26. Sept. vormittags. Es war wieder große Erwartung des Oberarztes und hinderte das Aufstehen. Aber ich bin jetzt ganz gern still, von der Sonne beschienen, nur der Kopf im Schatten. Herr Dr. Schwaiger erinnerte sich Deiner sichtlich und war mit dem Befund zufrieden. Am Mittwoch käme ich auf den Kümmelbacher. Befördert werde ich im Anstaltswagen.
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Meine einzige Lektüre sind Deine Briefe und die Zeitung. – Da las ich von einer Vereinigung maßgebender Pädagogen und Psychologen, die Heuß ins Leben gerufen hat. Ich bin begierig darüber Deine Meinung zu hören.
Die Examen werden ja nun wohl alle vorüber sein; Ich freue mich, daß auch Lohnendes dabei war. Waren da auch Schüler von Dir? Vom Seminar? – Auf die populäre Sache bin ich sehr begierig, aber was intrikat ist, weiß ich nicht. Ich kenne nur intrigant. – Und der Brief von Adenauer? Was hat der zu bedeuten? –  –  –
– Jetzt handelt es sich für mich darum, ob sich jemand findet, der diese Epistel in den Kasten bringt. Die nützlichen Besucher sind selten oder treffen auf hinderlichen Besuch.
Von Frl. Held hatte ich einen längeren Brief, der noch unbeantwortet ist. Sie schreibt, die Behandlung sei beendet. Ich bin nur noch recht faul mit dem Schreiben, denn das ist zwar erlaubt und gut, aber eine zu einseitige Bewegung.
Von der bunten Zusammensetzung der Belegschaft wäre manches zu erzählen. Es ist bei uns allerseits freundliche Rücksichtnahme und verwandte Seelen unterhalten sich. Aber ich beteilige mich wenig. Ich habe ja mein sonniges Eckchen still für mich. Da kann ich meinen Gedanken nachhängen und stillen Wünschen für Dein Ergehen. – Sage Susanne, sie solle sich nicht plagen mit Schreiben. Oder sich vorstellen, sie mache mir einen Besuch und erzähle von dem, was sie beschäftigt. Grüße sie und Ida herzlich. In Liebe und Dankbarkeit immer
Deine Käthe.