Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Oktober 1953 (Kümmelbacher Hof)


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Kümmelbacher Hof.
Sonntag, 11.10.53
Mein einziger geliebter Freund!
Du wirst morgen bestimmt Nachricht von mir erwarten und da will ich versuchen, den Anschluß noch möglichst zu erreichen!
Für Deinen lieben Brief, der mich am 9.? erfreute, danke ich Dir sehr. Er ist in Wahrheit mein einziger Trost, denn das Einleben hier, mit viel lästigeren Vorschriften als in der Klinik wird mir sehr schwer. Bei der Kälte ist dies nur schwach geheizte Zimmer recht kühl, die Stunde in der Sonne vor Tisch im Freien ist mehrfach durch angekündigte Massage oder Arztbesuche gestört, nach Tisch ist Ruhe bis nach dem Kaffee, und dann ist die Sonne im Garten, d. h. auf der Wiese, die wir zusammen nicht fanden, sondern immer an entscheidender Stelle umkehrten, vorbei. – Ich habe noch kein Behagen hier gefunden und habe mich heute nochmals um Zimmerwechsel bemüht. Schwester Dörte will das bei der Ärztin vermitteln, die für die
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| Patienten die entscheidende Stimme hat. Möchte es doch zustande kommen! – Ebenso dringend hoffe ich, daß Dein Schnupfen möglichst rasch wieder vergeht! Du hast ihn Dir leider um meinetwillen geholt. Daß die Fahrt trotzdem hübsch war, ist mir eine Freude. – Besucht haben mich Norbert Matussek – sehr nett – ferner H. M., die aber leider mit Bertha van Anrooy zusammen traf, welche die Haushilfe von Landfrieds mitbrachte!! – – Gestern kam Rösel Hecht unerwartet, später dann Frl. Reinhard – beides nett. –
Jetzt habe ich die Mittagsruhe etwas abgekürzt, um Dir die Situation zu schildern. Seit gestern ist auch eine neue Zimmergenossin da: Auch eine Vertriebene, 27jährig, angestellt im Cafaso. – Am Freitag war übrigens Hanne Héraucourt wieder da, die immer nach Dir fragt. – Am Empfangsschalter fand ich vor 3 Tagen eine nette Dame, die mit Ewalds verwandt ist. Leider scheint sie jetzt Bettruhe zu haben. – Über Wunsch nach dem 19. kann ich Dir noch nichts mitteilen. Ich muß jetzt sehen, wie es hier wird und ob ich eventuell hier länger bleiben kann. Rösel Hecht kam mit dem Vorschlag, ob ich nicht zu Kohlers kommen könnte als Übergang,
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| oder auch zu ihr selbst ins Zimmer der Tochter. Du siehst also, verlassen bin ich nicht, aber ich lasse die Sache sich möglichst selbst entwickeln. Wenn die Ärztin mir noch eine weitere Woche bei der Kasse sichert, ist mir das am liebsten. Und dann sieht man weiter. Denn vorläufig bin ich noch nicht fühlbar erholt.
Aber das ist ja nur natürlich und bei den 81 Jahren selbstverständlich. Ich merke so nach und nach, daß es doch ein ernstlicher Eingriff in mein Leben
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| war, den ich nicht so "über Nacht" überwinden kann. Aber ich habe Geduld und festen Willen.
An Susanne und Ida sage doch viele Grüße und daß ich ihnen schreiben werde. Ich bin augenblicklich immer so besonders müde.
Draußen scheint die schönste Sonne, aber sie ist auf dem Kümmelbacher täglich knapper.
Aber im Herzen fühle ich die unversiegliche Wärme Deiner Liebe, und gehe in Gedanken mit Dir, hier und überall.
Deine
Käthe.