Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Oktober 1953 (Kümmelbacher Hof)


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<der scan von S. 3 ist teilweise unleserlich>
Kümmelbacher Hof. 22.X.53
Als ich nach Deinem Fortgehen in den Speisesaal kam, war dort im Briefschalter allerlei Post für mich: ein Brief von der 90jährigen Anna Weise, eine Karte von Lieschen Schwidtal, eine Karte von Frau Héraucourt – und alle wollen Antwort! Und heute kommt noch ein Brief von Gisela Gaßner, die Propaganda machen will für eine Hannah Spohr, die Vorträge halten möchte auf Grund der Mysteriendichtung Animus universalis. – Gisela will in Mannheim etwas für sie arrangieren und fragt, ob ich nicht eine Einladung auf den Kümmelbacher veranlassen könnte!!! – Du verstehst jetzt, daß ich in diesem Familienverkehr etwas zurückhaltend war und natürlich noch mehr sein werde. —
Am Dienstag kam kein Besuch, gestern waren Frl. Seidel und Frl. Ingold ziemlich lange zu zweit da. Aber sie paßten ganz gut zusammen
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| und so war die Anstrengung nicht so groß. Nun hoffe ich nur, daß Hedwig M. heute allein bei mir bleibt, denn wir haben doch allerlei zu besprechen. —
Ich muß immer wieder die Tage an den Fingern zählen, denn es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, seit Du fortgingst. Es war bei den Postsachen noch eine kurze Nachricht aus Münster gewesen, die mir sagen sollte, daß Du schon vor 10 Uhr kommen wolltest, was mich also zu spät erreichte. Sonst wäre ich pünktlich bereit gewesen für Dein Eintreffen, soweit es die Hausordnung und Bedienung erlaubt. –  – Hoffentlich hat es mit Deinem Mittagessen diesmal besser geklappt. Ich war so froh, daß Dir die Sitzungsperiode diesmal nicht überanstrengend war. Aber das Erlebnis mit dem kleinen Scholz war doch recht betrübend. Wie seltsam ist es, daß im Augenblick so viel Bekannte stürzen und sich die Knochen brechen! Denn von Schwidtals erfahre ich jetzt, daß auch Ila auf der Treppe gefallen sei und einen Riß im Hinterkopfschädel
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| sich zugezogen habe, der erst bei der Sektion entdeckt wurde. Wie gut, daß sie nicht wieder zum Bewußtsein kam! –  – Dagegen bin ich wirklich so günstig weggekommen, wie ich es garnicht ahnte. Ich war nämlich neulich beinah erstaunt, daß Du gut fandest, daß mir der Arm so verrenkt nach oben lag. Ich hatte darüber garnicht weiter nachgedacht. Und ich habe ja auch wirklich auch damit Mühe genug. Vor allem will es mit den Gesamtkräften garnicht vorwärtsgehen.
Dies trübe, kühle Wetter hat auch garnichts Belebendes. Du wirst das wohl auch merken. – Ich finde, daß es dabei keinen Sinn hat, den Aufenthalt hier, der mir mit Ausnahme des hübschen, bequemen Zimmers nicht allzu sehr zusagt, noch viel zu verlängern, und ich möchte doch auf den Plan von Röselzurückkommen. Es sind dabei mancherlei Vorzüge, und ich glaube, daß ich der Bedenken Herr werden könnte. Ich kann von dort aus viel besser die Herrichtung meines Zimmers und der nötigen Bedienung in die Wege leiten. Alle Besucher haben
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| es bequem, denn hierher ist es doch recht umständlich. Und was mir die Hauptsache ist, mir ist dort die Betreuung durch Frl. Dr. Clauß wieder möglich, und hier entbehrt man eigentlich jedes verständnisvolle ärztliche Eingehen. Es ist doch wohl begreiflich, daß ich auch noch ein wenig Unterstützung im Allgemeinbefinden brauche. Ich hatte also gedacht, bis zum Mittwoch nächster Woche noch hierzubleiben. Oder wärst Du auch dann noch für eine Verlängerung? Ich glaube, es wäre gut, wenn ich jetzt mal wieder etwas zu leisten hätte als Übergang.
Eben ist Hedwig Mathy gekommen und soll den Brief mit in die Stadt mitnehmen. So muß ich überstürzt schließen und nur noch viele, viele Grüße beifügen. Laß mich doch, bitte, wissen, wie Du über den Fall denkst, und zwar möglichst so, daß es mit dem Auto einzurichten wäre. Hedwig will mich begleiten, und zu Rösel kann ich jederzeit.
Ich hoffe, daß Deine Reise gut beendet war, und grüße Susanne und Ida. In Gedanken rede ich viel mit Dir – Du wirst es wissen.
Von ganzem Herzen Deine Käthe.