Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./24./25. Oktober 1953 (Kümmelbacher Hof)


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Kümmelbacher Hof. 23.X.53.
Mein geliebter Freund!
Das war heute ein wunderschöner Herbsttag und es ist wirklich eine Schande, wie sehr ich mit meinem Gesundheitszustand von solcher Witterung abhänge, wenigstens jetzt, wo ich nichts zu tun habe, als mein Befinden zu kontrollieren. Du hast übrigens am Dienstag garnichts darüber gesagt, wie sehr Du mich erholt fandest! Alle Angestellten hier, die mit mir zu tun haben, versichern mir ostentativx [li. Rand] x das gehört jedenfalls zum Beruf., ich mache große Fortschritte. Ich selbst merke ja leider nur zu deutlich, wo es noch fehlt.
Fehlen tut mir unter anderem auch, daß ich noch immer nicht hörte, wie Du nach Haus gekommen bist? Der Brief, der in meinem Schalter steckte, war ja noch von Münster! – Hatte Susanne hübsche Tage in Alpirsbach? Ist mein Brief dort in ihre Hände gekommen? Er war garnicht so besinnlich geschrieben, wie ich es vorhatte, denn man ist hier eigentlich immer in Erwartung irgendeiner Vorschrift, die die eigne Absicht hindert. – Meine Absicht
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| ist aber jetzt, abends 20 Uhr, in meinem Zimmerchen ungehindert noch eine Plauderstunde mit Dir zu halten. Am Vormittag war ich mit Frau Schenk ein Stückchen im Wald bergan, oberhalb der Bank unter der Tanne, wo wir beide saßen; und zwischen 17 u. 18 Uhr war ich allein noch einmal bis zu der bewußten Bank. – Héraucourt's, die heute kommen wollten, haben abgesagt wegen starkem Katarrh, der scheint jetzt überall umzugehen. Ich habe auch einen Consum an Taschentüchern, der mich an Kerschensteiner in Alpirsbach erinnert. Ich werde nächstens die meinen auf der Heizung trocknen!! Sehr animiert hat es mich, daß ich mir heute einmal wieder Kaffee aufgießen ließ. Das will ich doch jetzt wieder einführen. Ich glaube, das ist nützlicher als die Geheimtropfen der Schwester Margot.
Ich erzählte Dir neulich garnicht, daß ich mich an einem Tage mit besserem Befinden mich recht eingehend in die Berner Rede vertiefte. – Ich weiß noch so genau, wie in meiner Kindheit Dr. Carlyl, der überhaupt gern über das Niveau der Klasse hinausging, mir das Verständnis für das "andre Ich" weckte, allerdings nicht als ein höheres, sondern nur
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| sondern als beobachtendes. Dieser Lehrer wäre wohl überhaupt ausgezeichnet gewesen, wenn er nicht frivol gewesen wäre. Er machte garkein Hehl daraus, daß er es unter seiner Würde hielt, Mädchen zu unterrichten. Das ist überhaupt die Grundbedingung für den Erfolg der Menschenführung in Deinem Sinne, daß der Führende selbst ein reines, liebevolles Herz hat. Und in diesem Sinne sind die Studenten in Deinen Vorlesungen herangewachsen, denn über alle Einzelheit hinweg wirkt Leben weckend der Geist, in dem sie verkündet wird. Und in den Vorträgen, mit denen Du jetzt vor ein weiteres Publikum trittst, werden viele Eltern zu neuen Vorsätzen für ihre Aufgabe angeregt. Ich sehe doch immer in Deinem Kreis, wie das was ich von Deinen Schriften mitteile, auf empfänglichen Boden fällt.

24.X. Heut liegt um 11 Uhr noch der dichte Nebel im Tal und die Sonne kämpft vergeblich.x [li. Rand] x aber jetzt wird es heller. Viel draußen zu sein ist nicht ratsam und im Zimmer sitzen, kann ich auch bei Rösel, die sehr freundliche Räume nach Osten u. Süden hat. – 25. So da wäre ich 24 Stunden weiter, unter denselben Umständen, aber mit weniger Aussicht auf Sonnenwärme. Denn gestern wurde es noch wunderschön, sogar der Dilsberg war einmal wieder strahlend beleuchtet – und es kam ein lieber Brief von Dir, der mir gute Nachricht brachte.
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Frau Schenk ist leider abgereist, sie war hier meine einzige "Beziehung". Statt dessen kam Rösel Hecht, deren Äußerungen mich veranlaßten, mein Fortgehen hier auf den Samstag zu verschieben. So folge ich also, auch durch äußere Gründe unterstützt, Deinem wie meist sehr begründeten Vorschlag. Eigentlich aber bin ich nachgerade der Ansicht, daß es Zeit ist, mich nun wieder dem normalen Leben anzunähern. Auch allerlei Zeichen zunehmenden Normalbefindens bestärken mich darin. Ich habe z. B. heute so tief und ohne wesentliche Unterbrechung geschlafen wie noch nie. Auch das Frisieren glückte zum erstenmal!! — Wie sich nun die Sache mit dem Auto abwickeln wird, muß sich zeigen, wahrscheinlich Montag früh. – Schreiben wollte ich Dir noch, daß ich von Frl. Seidel ein nettes Inselheftchen bekam: Sinnsprüche Omars, des Zeltmachers. 11. Jhdt. (etwa Zeit der Reichenau): Nicht so poetisch wie Hafis, mehr Realismus, aber ebenso: "enthalte Dich der Nüchternheit" – – – und darin bleibt er!
Wir aber halten es mit Hafis und seinem Nachfolger. Und in diesem Sinne schicke ich Dir innige Grüße und viel gute Wünsche für Dein tägliches Wohlbefinden und innere Befriedigung. Grüße auch Susanne und Ida recht herzlich und denke ja nicht, ich wollte das Haarmittel hier schon benutzen. Ich wollte nur den Namen des Wunderelexiers gern wissen.
Immer Dein gedenkend
Deine
Käthe.