Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Oktober 1953 (Kümmelbacher Hof)


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Kümmelbacher Hof. 28.X.53
Mein lieber, einziger Freund!
Seit Deinem Besuch hier sitze ich zum erstenmal wieder auf dem Balkon bei Sonne und farbigem Ausblick bis zum Dilsberg. Es war sehr viel Nebel, auch etwas Regen, was alte rheumatische Knochen natürlich spüren. Der Katarrh drohte in einen Krampfhusten überzugehen, aber Schw. Margot hatte ein heilsames Säftchen. Leider ist in mir immer noch mehr Apathie als mir lieb ist, aber ich bin auf dem Wege zu neuer Energie. So denke ich also am Sonnabend bei Rösel Hecht neu anzufangen. Hedwig Mathy will bei dem "Umzug" helfen. Du hast ja auch nochmals umziehen müssen, wie mirs Deine liebe Karte aus Schenkenzell meldete. So rasch hatte ich diese Reise eigentlich nicht erwartet, sondern erst im Laufe nächster Woche, wenn Holzhausens dort angesiedelt wären. Hoffentlich hattest Du rechte Freude an Christiane, die ihren Namen so energisch unterschrieb. – Ob Du eine Antwort von Schmeil hattest? Hierher kam nichts, und ich meine, die Sache mit seinem Auto war für Dich bisher meist platonisch. Ich denke mir ich mache es mit Hedwig bis zum Bismarckplatz per Elektrische und vom Bahnhof zu Rösel per Auto. Das ginge ohne Schwierigkeit.
Wenn ich doch diesen Balkon in die Peterstraße mitnehmen könnte! Es ist eine solche Wohltat, in diese gedämpften Farben und sanften Linien zu blicken und die Gedanken darüber hinaus in die Ferne schweifen zu lassen. –  – Wie lange mögt Ihr in Schenkenzell geblieben sein?
Seit gestern bin ich zum Essen ins "Allerheiligste" versetzt.
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| Da habe ich jetzt in dem schwach besetzten Raum mit den großen Spiegeln ein rundes Tischchen für mich. In der drangvollen Enge, in der ich beständig geblieben war und wo die Gedecke viel gewechselt wurden, kamen plötzlich 2 Frauen, die ganz nett waren, und wovon ich die eine schon in der Klinik als Nachbarin hatte, an andere Tische und ich hatte nun 2 echte Proletarier neben mir, die essen zu sehen einem schon den Apetit verderben konnte. Da ging ich nach der Mahlzeit hin und erkundigte mich, nach welchem Prinzip eigentlich die Tischordnung gemacht werde. Man sagte, "es sei nur heute so und solle morgen schon anders werden", was denn den gewünschten Erfolg hatte. Es ist eben so in der Welt, daß man versucht, wieviel sich ein Dummer gefallen läßt. Es hätte mir schon, seit ich das hübsche Zimmer habe, ein anderer Platz zugestanden. – Du weißt ja, wie ich sozial eingestellt bin, und in der Klinik gab es da garkeine Schwierigkeiten, aber hier war der Unterschied in der Behandlung zu offensichtlich, weil ich garkeine Ansprüche gestellt hatte. Jetzt ist man sichtlich bemüht, den Eindruck auszugleichen. Immerhin tragen solche Dinge nicht zum Behagen bei und ich bin froh über die Änderung. – Das ist nun ein recht alberner Brief, aber Du siehst daran, wie eng die Welt um mich ist. Um mich abzulenken, las ich Frobenius, afrikanische Forschungen, aber ich wollte, Du hättest mir etwas geschickt, z. B. den Roman "größer als des Menschen Herz –" – – von dem Du in dem Vortrag sprichst!
<Kopf> Aber nun ists für heut genug. Und ich will Dich nur noch <li. Rand> von ganzem Herzen grüßen und Dir auch recht sonnige Tage wünschen, Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Viele Grüße auch an Susanne und Ida.