Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. November 1953 (Heidelberg/Neuenheim)


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Heidelberg-Neuenheim
6. Nov. 1953
Mein geliebter Freund!
Nun bin ich hier sehr angenehm untergebracht und werde täglich unternehmender. Ich glaube, daß dies der rechte Weg ist, wieder ins gewohnte Leben einzurücken und Rösel drängt mich nicht dazu, sondern es ist mein eigner Wunsch und Wille, es möglichst zu beschleunigen. Leider hat die gute Frau Buttmi nicht für die Vermittlung in Rohrbach geholfen, und ich wollte nicht gern schriftlich anfragen, ehe ich Nähres von dort hörte. Seit Sonntag bleibt ihre versprochene Antwort aus und so will ich mich doch zu einem Brief an die Monatsfrau aufraffen. Es ist nämlich so, daß ich nicht nur mit dem Arm immer noch etwas behindert bin, sondern es ist auch im Gesamtbefinden ein Mangel
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| im Kopf geblieben, eine Blutleere, wie ich glaube, die meine Initiative, meine Gleichgewicht beim Gehen und die Geistesgegenwart hemmt. Ein wenig besser ist es schon damit, und ich will es hoffentlich ebenso energisch überwinden wie den Knax in der Schulter.
Natürlich bin ich auch fest entschlossen, Dich mein Einziger, nicht mit Bitten um Nachricht zu behelligen! Aber ich wüßte doch schrecklich gern, an welchen Tagen das "kleine Seminar" stattfindet, für das Du Rousseau liest. – Wie bist Du mit der Beteiligung zufrieden? – Was hattest Du Erfreuliches an Besuchen?
Es ist gut, daß noch keine eigentliche Kälte eingesetzt hat, denn Du hast die Wärme ja auch sehr viel lieber. Ich empfinde bereits meine Murmeltiernatur, die nach dem Winterschlaf verlangt. Rösel hat sehr freundlich Rücksicht darauf genommen und mein Zimmer im
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| Oberstock mitgeheizt, sodaß ich mich wohl darin fühle. – Besucher kommen hier wenig, nur Hedwig M. und Frl. Reinhard bisher, und letztere leider während ich spazieren war. Ich gehe täglich zweimal, meist in dem so fremden Stadtteil der Ebene zu, wo es noch weniger dicht bebaut und sonnig ist. – Am Freitag, also übermorgen, will Frl. Dr. Clauß mich besuchen, da sie meine Anmeldung für heute nicht annehmen konnte. Ich hätte sonst zum erstenmal mein Heil mit der Elektrischen versucht. Vorläufig gehe ich nur zum Abhärten ein Stück an der belebten Brückenstraße und besehe Autos und Elektrische.
Von Berlin habe ich sehr lange nichts gehört, und auch sonst ist Schreibepause, meist durch meine Schuld. Eigentlich lesen konnte ich bisher eigentlich nicht, nur allerlei Zeitungsartikel. Vielleicht kannst Du mir mit etwas Interessantem wieder auf die Beine helfen, das mir zu denken gibt.
Jetzt will ich noch mit diesem Wisch auf die Post an der nächsten Ecke gehen, denn ich will Dir doch
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| auch noch so bald als möglich danken, daß mich der Geldbriefträger hier bereits besuchte. Ich soll nun durchaus nicht dazu kommen, mal die Reserve aufzubrauchen! Aber wenn es auch eigentlich gegen meinen Willen ist, ich danke Dir doch für Deine immer gleiche Fürsorge von Herzen und grüße Dich innig. Möchtest Du Dich wohl fühlen und befriedigt arbeiten können. Grüße auch Susanne und Ida von mir und sei gewiß des ständigen Gedenkens
Deine
Käthe.