Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. November 1953 (Neuenheim)


[1]
|
Neuenheim. 8. Nov. 53
Mein geliebter Freund!
Nur um Dir für Deinen lieben besorgten Brief zu danken, benutze ich die Dämmerstunde, angeblich um auszuruhen, und schreibe Dir. Es ist offenbar hier in dem belebten Hause, schwer allein zu sein! Ich möchte Dir aber möglichst bald mitteilen, daß ich mich ohne Zweifel gut erholt habe und jetzt alles vorbereitet habe, am Donnerstag in die Peterstraße zurück zu kehren. Es wäre nicht zu verantworten, wollte ich mich vor diesem Entschluß noch länger scheuen. Ich kann ja vorläufig noch das Mittagessen auswärts nehmen, und alles andere wird sich einrichten. Das Zimmer wird am Dienstag geputzt und geheizt, dies auch am Donnerstag und alles sonst ist besser persönlich zu bereden. Ich bin zufrieden, daß die Entscheidung sich einrichten ließ und habe, wie es scheint, die lästige Nervenschwäche überwunden.
Frl. Dr. Clauß hat mir Phosphor-Lebertran und
[2]
| Cordovasin verordnet, je 1 Tabl. abends. Ob ich unrichtigen Blutdruck habe, vergaß ich zu fragen. Meist ist es bei nicht zu viel, sondern schwächlich. Sie sagte aber: "ich bin mit Ihnen zufrieden". Und alle Leute finden, daß ich für die kurze Zeit sehr gut daran bin. Ich müßte mich ja schämen, noch Patient zu spielen. Es kommt allmälig doch auch das Verlangen nach den persönlichen stillen Gewohnheiten. Ich weiß, da wird es ebenso Mängel geben wie in allem bisher, aber ich will standhalten. Frau Wüst kam sogar gleich hierher, aber leider grade als ich spazieren war. Jedenfalls ist gute Absicht auf beiden Seiten.
Ich schriebe gern noch länger, aber ich will gern, daß Du den Zettel morgen bekommst, drum muß er fort. Abends habe ich mich in Deinen Kulturfragen d. G. den Abschnitt über die gegenwärtige Universität intensiv vorgenommen. Es geht mir dabei durch den Sinn, daß wir wohl wieder an einem Punkt stehen, wo man von zur Einfachheit, zum sittlichen Lebensgrund zurückkehren sollte. Wie gern hörte ich per "Fernhörer" Deine Rousseau-Übungen! Hat Dir die neue Lektüre Neues gebracht?
Ich grüße Euch alle vielmals, und Dich noch besonders. Mit vielen guten Wünschen immer bei Dir.
Deine Käthe.