Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. November 1953 (Heidelberg/Rohrbach)


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Heidelberg-Rohrb. 15.XI.53.
Mein lieber, einziger Freund!
Vielen Dank für den lieben Brief, der mir aus der Wolf-Straße nachgeschickt wurde. Meine Übersiedlung ging ein wenig rascher als geplant, weil sich Tochter Hanna Hecht für den Donnerstag ansagte. Mir war das ganz lieb, so entwickelte sich alles etwas prompt. Daß Du für die Fahrt mit dem Auto sein würdest, war ich überzeugt und habe es auch so gemacht. Aber mit dem Essen habe ich doch die Rose vorgezogen und da das Wetter tadellos ist, hat es sich auch bewährt. So kommt eines nach dem andern in Schick und auch das Zimmer ist mit regelmäßiger Hilfe von Frau Wüst gut durchwärmt.
Noch geht alles langsam, aber ich hoffe, immer mehr in Trab zu kommen. Ganz erstaunt bin ich immer wieder, wie sehr ich mit den täglichen Gewohnheiten aus dem Zusammenhang gekommen bin, ich erlebe da täglich neue Entdeckungen in
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| Schränken, Vorräten etc. Das Leben im Haus hat sich durchaus in gutem Geist entwickelt. Auch Besucher kommen noch immer: so gestern Rösel Hecht, Gundel Buttmi und heut die Waschfrau aus Ziegelhausen mit einer großen Tasche voll Äpfel! —  — Am meisten aber denke ich an die frohe Ankündigung eines Besuchs am 3.XII.!! Möchte das doch Tatsache werden! – Ob Du bei den zahlreichen Hörern der Übungen auch einige findest, die dies lohnend machen? Das wünsche ich so sehr. Dann wird auf einmal der belebende Kontakt da sein. – Was mag Dich um den 20.–23. so bedrängen? –  – Hier hat mich gestern Frau Buttmi zu einem Kaffee mit Frau Heinrich und Schwester genötigt. Mir war noch garnicht danach zu Sinn, aber sie ist dann leicht empfindlich. Mich machen mehrere Leute auf einmal gleich sehr müde. Überhaupt könnte ich eigentlich mein Dasein ausschließlich mit Essen und Schlafen zubringen und ich will nur hoffen, daß das wieder anders wird mit Phosphor-Lebertran, Kobaltferrlecit und Cordovasin!! Daneben dauernd gutem Appetit.
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Was Du von den Knoblauchpillen schreibst, leuchtet mir auch für die Zukunft ein, denn ich empfinde ständig eine lähmende Blutleere im Kopf. (Ich weiß schon, er ist überhaupt leer, nicht wahr?!)
Augenblicklich habe ich sehr nachdenken müssen wegen der Gemeinderatswahl! Da ich ja niemanden kenne, habe ich mir Rat geholt bei jedem der mir begegnete. –
In Wahrheit aber sind meine Gedanken noch viel bei dem Erleben dieses letzten Vierteljahres. Voller Dankbarkeit denke ich zurück an die gute und pünktliche Versorgung in der dritten Klasse der Chirurgie. An die hübsche kleine Stube auf dem Kümmelbacher, auf dem es mir zum Schluß auch richtig behaglich wurde mit den Menschen. An die Rücksicht und Aufmerksamkeit mit der ich bei Rösel versorgt war, und überhaupt an all die Aufmerksamkeiten und tätige Hilfen, die mir von nahen und fernen Menschen erwiesen wurden. Auch mit den Leidensgenossen entspann sich manch freundliche Beziehung. –
Aber wie hätte ich dies alles so gelassen erleben können ohne Dich!! Oftmals habe ich bei mir gedacht,
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| wenn Du nicht wärst, dann wollte ich diese nutzlose Existenz, die sich nur um sich selbst dreht, hätte ein Ende.
Aber ich will mit guten Vorsätzen vorwärts denken. Ganz ohne mein Zutun hat sich hier alles so günstig zurecht gerückt, daß ich nur zufrieden sein kann. Und für die Sonne im Herzen ist ja trotz der Nordlage des Zimmers ein für allemal gesorgt.
Daß Du auch von der noch immer warmen Herbstsonne möglichst oft etwas genießen kannst, wünsche ich sehr. Ich wollte der Dr. Becker führe Euch öfters aus. Zu Fuß muß man sich so eilen, daß man noch etwas von ihr erwischt. – Und außerdem freue ich mich auf den 3.XII. –
Schrieb Louvaris etwas von dem Rücktransport evakuierter Griechen, der kürzlich gemeldet wurde? Haben sie noch Hoffnung, den Sohn wiederzusehen? –  – Nun gute Nacht für heut. Bleibe gesund und zuversichtlich, und laß uns nach dem sonderbaren Riß in meinem stillen Dasein den gemeinsamen Weg zusammen weiter gehen. In treuer Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Wie immer Grüße an Alle!