Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27./29. November 1953 (Heidelberg)


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<die S. 3 ist im Scan am re. Rand abgeschnitten und es fehlen bis zu vier Buchstaben>
Heidelberg, 27. Nov. 53.
Mein geliebter Freund!
Es war wie eine Vorahnung, als ich heut nachmittags schrieb: wenn kein Besuch kommt, – denn es war eigentlich niemand in Aussicht, aber es kam sehr erfreulich: Rösel Hecht. Sie brachte mir ein hübsches Adventskränzchen und mitten drin ein Glas Quittengelee, "weil ich doch keines einkochen könnte!" Alle Besucher sind immer erstaunt, daß man mir jetzt garkeine Behinderung mehr ansieht. Und ich schone auch den Arm kaum noch, denn nur das Heben eines schwereren Gegenstandes, wie etwa die Wasserkanne empfinde ich bewußt. — Und so bin ich eigentlich stündlich mit Dankbarkeit bewußt bei dem Erleben der letzten Monate in stiller Erinnerung. – Es hat sich alles so wunderbar günstig entwickelt, daß ich nur staunen kann. Schon zwei Menschen,
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| darunter auch Frau Wüst, sagten mir, mein Armbruch sei "abgesehen von den Schmerzen" doch im Grunde etwas recht Gutes gewesen!! Und das ist es auch täglich. All das Unbehagen und die ernsten Schwierigkeiten der täglichen Existenz scheinen fortzufallen. Möge es von Dauer sein!
Frau Wüst hat durch ständige "Zuwendungen" von ihrem Mittagessen, mal dies, mal jenes, meinen Wunsch zu wecken gewußt, daraus ein regelmäßiges Verhältnis zu machen. Möge es zur beiderseitigen Zufriedenheit fortbestehen.
In dem Wunsch, wieder ins reguläre Leben zurück zu kommen, hatte ich heut die Ausstellung besucht, und bin recht befriedigt davon. Ich wollte nur wir könnten das mal zusammen! Denn Du würdest mich heut nicht mehr mit der Bemerkung abfertigen: "es freue Dich, mir mit so geringen Mitteln eine Freude zu machen!" wie s. Z. vor einer entzückenden Portraitskizze von Velasquez!!
Du wirst Dir ja denken, wie beglückend es für mich ist, dies schöne Buch von Vinzenz Erath mit Deinen Zeichen. Es ist für mich beinahe wie Deine
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| Gegenwart, denn ich verstehe, was Dich dabei bewegt hat. Und für mich tauchten überall Bilder aus dem eignen Leben auf, in heiterem und in tiefstem Sinne. – Wunderbar ist mir besonders das Zusammenklingen der Frömmigkeit von Mutter und Vater in der geängstigten Seele des Kindes.

1. Advent. Gestern kam das verheißungsvolle Päckchen und brachte mir schon echt weihnachtliche Stimmung. Dir und Susanne vielen Dank. Zu vollem Glück fehlte mir nur eine Randbemerkung, daß Du den anstrengenden Tag mit dem Vortrag befriedigt überstanden hast. Denn Du wirst gewiß verstehen, daß meine Nerven noch etwas labil sind und Deine Besorgnisse wegen der gehäuften Anstrengungen hatten mich doch etwas angesteckt. Vielleicht bin ich dafür noch etwas sehr empfänglich, weil ich noch nicht wieder bei vollen Kräften bin, trotz des ungemein stillen und bequemen Lebens. Ich kann Dir nur sagen: mir geht es unerhört gut, und ich wollte nur, Du könntest dasselbe berichten. Es ist mir seit meiner Rückkehr in die Peterstraße
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| ein so friedliches Dasein beschieden, und eine so natürliche Teilnahme und Freude an dem Familienleben in der Küche, daß es mir richtig wohl dabei wird. Ich bin nur bedacht, daß die temperamentvolle Frau ihre Bereitwilligkeit für mich übertreibt, sodaß es einen Rückschlag geben könnte. Ihren guten Willen empfinde ich als durchaus echt und ich hoffe, Du wirst Dich am 3. Dez. auch davon überzeugen.
Ich weiß leider noch nicht, wie Du Dir den Aufenthalt im Einzelnen denkst. Jedenfalls aber bedenke, daß für mich keine Schonung mehr notwendig ist, daß ich, falls erwünscht, auch an den Bahnhof zum Essen kommen kann; daß sowohl Kaffee, als Butterbrot mit Ei und Schinken, sowie die bekannte Meerspinne für Dich ohne meine Bemühung, bereit sein können. Also, bitte, bestimme nur Zeit und Bedingungen denn ich habe so gern eine feste Aussicht. – Und so will ich jetzt am Sonntag nachmittag den Brief zu baldiger Bestellung bringen und ihm den innigsten Dank und viele, viele Grüße und gute Wünsche mitgeben.
Ganz in Erwartung Deiner
Deine Käthe.

[li. Rand S. 3] Lesen werde ich langsam und gesammelt.
[li. Rand S. 2 / 1] In Anbetracht der Rückschau des Vortrags hatte ich Deine Erinnerung an die / Universitätszeit im Berliner Almanach 1947 vorgeholt.