Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Dezember 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Dez. 1953.
Mein geliebter Freund!
Schon längst hättest Du einen Brief von mir, wenn er sich von selbst schriebe, denn ich denke beständig mit Dankbarkeit an Deinen lieben Besuch, der wie immer solch innige Freude für mich war. Ich hoffe, daß Du wohlbehalten und rechtzeitig wieder in Tübingen ankamst, und daß die aufgesammelte Post erträglich war. Bei mir ist die Tätigkeit noch immer unter Null, und trotzdem gleiten die inhaltlosen Tage ungemerkt und ungezählt an mir vorüber. Das macht wohl der ständige Nebel, daß sie so monoton erscheinen.
Heute nun werden Frau Buttmi und Frl. Ingold mal wieder zu mir kommen, und vorhin war für eine halbe Stunde Gertrud Kohler da, die sehr herzlich und voll Interesse war.
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| Sie hatte erst vergeblich bei Frau Wüst geklingelt, da ich gerade zur Post und zum Kaufmann ging. Zur Post brachte ich eine Karte, an Annemarie Eggert, die mich am 25. Dez. für einige Stunden besuchen will, ehe sie zur Nachtfahrt nach Hamburg zum Besuch der Mutter geht.
So kommt auch bei mir öfters Unvorhergesehenes, aber es ist nur Erfreuliches. Gertrud war z. B. sehr freundschaftlich, und wollte mich wie früher um die Neujahrszeit nach Dielbach einladen. Auch Gisela Gaßner forderte mich fürs Weihnachtsfest als Logiergast nach Mannheim auf! Die Leute wissen ja nicht, wie gern ich still zu Haus bleibe, und nie allein bin!
Schon im Haus wird es lebhafter sein wie sonst, denn es ist schon verkündet worden: "das schöne Päckchen, das von Dir der Nikolaus
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| abgegeben hat", muß unter dem Weihnachtsbaum mit mir zusammen aufgemacht werden! Man hat wohl begriffen, daß damit ein triftiger Grund vorliegt!!
Jetzt will ich aber auch wirklich meine Gedanken wieder energisch auf das reale Leben richten. Diese ganze unverhoffte Epoche mit ihrer notwendigen Passivität hatte meine äußere Existenz doch mehr aus den Angeln gehoben, als ich im Einzelnen wußte. Nun findet sich wieder der Zusammenhang und will geordnet werden.
Der erste Anfang ist der wiederhergestellte alte Wintermantel. Ich habe lange genug darum gedruckst, aber jetzt wird es hoffentlich klappen. Es ist eine große Verbesserung meines Lebens, daß ich an Frau Wüst jetzt jemand haffe, den ich jederzeit bei solchen Arbeiten zur Anprobe um Rat fragen kann. Denn das kann man nicht immer allein kontrollieren.
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Im Übrigen sind meine Abende dem stillen Lesen und Wiederlesen gewidmet. Vor allem die Stuttgarter Rede! Welch eine abgeklärte Schau der rätselhaft verschlungenen Fäden!
Und auch das Buch von Erath fesselt mich immer wieder. Mag es von Kunststandpunkt aus beträchtliche Fehler haben, es steckt doch viel allgemein Menschliches darin.
Aber jetzt soll wieder der Gruß zur Post, um womöglich noch morgen anzukommen! Bei mir werden dann abends mal wieder die beiden Psychiatrischen sein. Ich werde dann hoffentlich begreifen, bei wem eigentlich N. M. in Tübingen arbeiten wird. Er ist mir ein lieber Bekannter, und ich bedaure sein Fortgehen.
Nun grüße bitte Susanne und Ida recht herzlich, und ich wünsche Euch eine recht ungestörte Adventszeit. Sei mit vielen guten Wünschen und in Liebe gegrüßt
von
Deiner
Käthe.