Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Dezember 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Dez. 53.
Mein geliebter Freund!
Deinen lieben Brief vom 13. möchte ich mit herzlichem Dank und einer kurzen Nachricht beantworten, denn es ist ja so nahe vor dem 24., daß es beinah nicht mehr lohnt! Vor allem will ich auch auf Deine Mahnung hin den Doppelbrief mit der Stuttgarter Rede verpacken und abschicken. Es ist so manches in dem Bericht, was ich doch von Einzelheiten durch Deine Briefe und Erzählungen nicht wußte, und vor allem ist es anders in der zusammenfassenden Rückschau, als im gegenwärtigen Augenblick der drohenden Gefahr. Ich hätte gern noch öfter mich vertieft in dieses Lebensbild, das bei aller Sachlichkeit erfüllt ist von der Wärme einer unbeirrbaren
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| bedeutenden Entwicklung, geleitet von höherer Führung. – Je älter man wird, umso mehr sieht man durch das scheinbar Zufällige die sinnvolle Verknüpfung.
Aber hübsche Zufälle kommen doch oft vor, die nur für uns Sinn haben können, weil wir geeigneten Boden mitbringen. So war ich gestern zur Sprechstunde bei Frl. Dr. Clauß und da vor mir noch 6 Patienten da waren, griff ich nach einer Lektüre auf dem Tisch, die "zufällig" obenauf lag. Es war eine kleine Schrift, erschienen im Furche Verlag von Heinrich Scholz. Sie handelte von der Liebe zur Wahrhaftigkeit. Ich glaube der Titel war: Zwischen den Zeiten. – Und während ich noch las kam eine weitere Patientin, die mir gleich bekannt erschien, aber ich fand nicht den Namen. Da kam sie zu mir heran,
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| und sagte: daß sie Frau Conrad sei. Das war wirklich nett. Und ich erfuhr von ihr, daß der Sohn jetzt studieren kann, Geschichte; und daß der soweit sich bewegen kann, daß er mit einem Krankenwagen selbst fährt. – Ich hatte von 4–7 (16–19 Uhr dort zugebracht und dann begleitete mich auf Veranlassung von Frl. Dr. Frau Conrad an die Elektrische. Das habe ich eigentlich garnicht gern, und Du meinst ja auch, daß das keine wesentliche Hilfe ist. Warum also jemand damit bemühen! Ich bin ja wirklich sehr vorsichtig.
Heut abend kommt mal Hanna Heraucourt, von denen ich noch nichts seit meiner Rückkehr sah. –
Frl. Dr. Cl. ist übrigens mit dem Befund bei mir sehr zufrieden: Hämoglobin 77% Blutdruck 170. Mit dem Arm ist wohl nicht viel zu machen,
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| aber sie empfiehl Zwischenmahlzeiten. Da ich aber so lange schlafe, geht das vormittags nicht einzuschieben. Auch bin ich wirklich zu Mittag gut verpflegt.
Ich freue mich an dem Gedanken, daß Du Dich vielleicht am 8.I. davon überzeugen wirst. Vorläufig aber will ich dies noch vor dem Abgang der Post expedieren.
Sage Susanne herzliche Grüße. Auch Frau C. fragte nach ihr. Ebenso Gruß an Ida.
Dir wünsche ich möglichst wenig störende Besuche und lieber sonnige Spaziergänge.
Mit vielen treuen Wünschen für Dein Ergehen grüßt Dich innig
Deine
Käthe.