Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1953 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.XII.53
Mein geliebter, einziger Freund!
Es ist schon 10 Uhr abends vorbei, aber ich kann unmöglich den Tag beschließen, ohne Dir noch einen Gruß aus ständigem Gedenken heraus zu senden. Es ist mir ganz unbegreiflich, wie es kommen konnte, daß dieser Weihnachtsabend ohne irgend eine kleine Gabe von mir an Dich hinging. Ein Kästchen stand schon seit Tagen halb gepackt bereit, aber es wurde ebenso wenig fertig wie die Zeichnung für den Kalender. Hast Du denn wenigstens den Brief bekommen, der gestern um 6 Uhr abgehen sollte. – Du hattest so fürsorglich geschrieben, daß niemand Briefe von mir erwarten werde, aber ich hatte das garnicht in meine Absicht aufgenommen und
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| am wenigsten in Bezug von mir zu Dir. Aber es gab so viel kleine Verhinderungen, und notwendige Besorgungen für die hiesigen Verpflichtungen, daß ich mit allem im Rückstand blieb.
Statt dessen ist eine Fülle von Päckchen bei mir eingetroffen, ich zähle 8, und außerdem von den Heidelbergern persönliche Gaben, vor allem alkoholige. Ich kam sogar heut um meinen geliebten Mittagsschlaf, weil das Essen sich verspätet hatte, und ich bei Buttmis meine Weihnachtswünsche noch vor dem Dunkelwerden anbringen wollte. Dort traf ich die Familie sehr gemütlich ohne den auswärtigen Besuch. Und hier zuhaus waren die Kinder in lebhafter Unruhe und froher Erwartung. Ich wurde dann mit zur Bescherung aufgefordert und es war eine echte, rechte Kinderfeier. Es wurde Lieder gesungen, jedes Kind sprach ein Verschen und der Jubel über die Geschenke
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| war stürmisch. Auch der Rundfunk beteiligte sich mit Glockenläuten und die Geschenke waren wirklich sehr reichlich von allen Seiten der Angehörigen. Ich hatte für die Mädels, den beiden Großen ein Buch, Heidi und Andersens Märchen, für die Kleine ein Kaleidoskop, von dem ich mich fast ungern trennte. Und Frau Wüst habe ich die "Lebenserfahrung" gegeben, denn ich glaube, daß es für sie von Wert sein kann.
Wir haben dann noch ein kleines Abendbrot zusammen gegessen und es war ein wirklicher Weihnachtsabend.
So ist eigentlich der allgemeinen Situation entsprechend der Tag völlig anders als sonst für mich verlaufen, und es war ein Ton von häuslichem Behagen darin, wie ich es bei Nitsches niemals kannte. Es ist ja überhaupt noch nicht das ganze Dasein für [über der Zeile] mich <unleserl. Wort> wieder im alten Gleis. Aber ich denke es wird sich im ganzen über Erwarten gut einfahren.
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Jetzt läuten draußen so feierlich die Glocken und im Herzen klingen sie mir wieder als Bitten für Dich. Möchtest Du auch so gute Feierstunden verlebt haben!
Als einziges Päckchen habe ich das Eure abgemacht und außer den beiden Büchern einen so besonders lieben Brief von Susanne und eine ganz große Handarbeit von ihr gefunden, die mich gerührt und beschämt hat. Habt alle beide vielen herzlichen Dank.
Jetzt wird Frau W. mir noch helfen den Brief an die Post zu bringen, damit er so bald als möglich zu Euch kommt. Grüße Susanne und Ida vielmals. Und Du wirst wissen, daß ich unter meiner Saumseligkeit mehr leide, als ich es sagen kann, und wirst sie nicht übel auslegen, sondern Dich an die innere Gewißheit halten. Von ganzem Herzen
immer Deine
Käthe.