Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Januar 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 13.I.54.
Meine geliebte Freundin!
In herzlicher Freude über unser Wiedersehn und den unverhofften Gruß vom Bahnsteig her bin ich am Freitag nach Mainz weitergefahren und gelangte um ½ 9 in das große, aber noch leere Hôtel Dreesen dicht am Rhein. Dort haben wir am Sonnabend von 9 bis 19½ getagt. Vorher ging ich ein Stück rheinaufwärts, mußte aber wegen des rauhen Windes bald umkehren. Am Sonntag früh war Regen und ebenfalls lebhafter Wind. Trotz einiger Schwierigkeiten kam ich Punkt 9½ zu Litts. Sie ist auch äußerlich sehr verändert: Verbreiterung der unteren Hälfte des Gesichts, was man eigentlich auf Drüsen deuten möchte. Die Unterhaltung mit ihm war angenehm und lebhaft wie immer. Zu essen erhielt ich außer ein paar Cakes nichts, und das blieb auch so bis abends
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| um 20 Uhr. Denn der Speisewagen war überfüllt. Da war dann die von Dir gütig gespendete Chokoladendose eine Rettung. In Stuttgart klappte es mit dem knappen Anschluß, und ich war auf die Minute pünktlich in Tübingen.
Am Montag habe ich zum ersten Mal an meinem Seminar Freude gehabt. Es strengt mich aber jedesmal ungeheuer an. Im Dozentenzimmer besuchte mich ein netter kleiner Jagdhund – auch noch nicht dagewesen!
Es ist hübsch, daß Dich das Fräulein vom K. H. besucht hat. Sie machte mir einen angenehmen Eindruck dort – etwas gesteigert durch Kontrast. Wir haben hier auch allerhand Besuchsfreuden: außer dem stereotypen Inder wird kommen: morgen Maria-Angelica Carrillo aus Ecuador, Samstag Dr. Djavid aus Persien. Beide haben bei mir in Berlin den Doktor gemacht. Am Freitag muß ich in Eßlingen reden über das Thema: "Was dem Menschen von heute nottut." Mit der Rückkehr wird es sehr spät werden.
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Für den 29. Januar sind die Inhaber des Großen Verdienstkreuzes zur Vorfeier von Heuß 70. Geburtstag – wohl mehr uffjefordert – als injeladen. Das wird mir zu anstrengend sein, und außerdem möchte ich Wenkes Universitätsfest hier am 30.I. nicht versäumen. Wir haben ohnehin hier so wenig Kontakt.
Das Comité culturel mixte plant für die 2. Hälfte des März eine 4tägige Studienreise nach Paris. Ich fürchte, daß mir auch dies zu anstrengend sein wird. Außerdem kollidiert es wahrscheinlich mit einer Konferenz über die Lage der Jugendleiterinnen, die Frau Minister Teusch auf m. Anregung in Düsseldorf veranstalten will. – Mein Befinden ist doch nur bei sorgsamer Schonung noch einigermaßen ausreichend.
Carossa hat mir auf m. Glückwunsch zu seinem 75. ein Büchlein mit einer sehr warmen Widmung geschickt.
Vor dem Hause von Litt war Glatteis, das mich zum Torkeln brachte. Ich bleibe bei dem Wunsch und der Bitte,
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| daß Du bei solchem Wetter zu Hause bleibst.
An Deinem Kalender habe ich immer neue Freude. – "Der Zauberer", der mir noch nicht zum Lesen zugänglich gemacht ist, soll vor mehr als 100 Jahren gelebt haben. Rudger Heß wußte sofort über ihn Bescheid. Deine Aufträge an Susanne und Ida führe ich aus. Nur keine Eile mit dem Schreiben!!
Ich lese jetzt Stefan Andres, Der Knabe im Brunnen (Moseltal – Kindheit), nachdem ich an dem berühmten und bedeutenden Proust für meine Person garkeine Freude gehabt habe.
Kannst Du mir die hiesige Adresse von Dr. Matussek mitteilen? Ich habe am Samstag versäumt, Butenandt nach ihm zu fragen.
Schluß! mit all den Grüßen, Wünschen und Gesinnungen, die Du kennst. Beaufsichtige Deine Gesundheit!
Innigst Dein
Eduard.