Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Januar 1954 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

23.I.54.
Meine geliebte Freundin!
Aus Deinem lieben Brief, der heute kam, spricht etwas die trübe Stimmung des trüben Wetters und des Winters. Habe Geduld! Die Tage werden schon länger. Anscheinend wird es jetzt kalt; dann muß ich gewiß sein, daß bei Dir ausreichend plus noch etwas mehr geheizt wird. Und bei Glätte besteht Ausgehverbot.
Abgesehen von dem Vortrag im sehr alten Eßlinger Rathaussaal, der überfüllt war, haben sich bei uns nur die schon erwähnten exotischen Besuche ereignet. Es ging mir und geht mir besser als Monate lang vorher. Immerhin kamen wir von Eßlingen, wo uns ein Augenarzt und Oberbürgermeister a.D. betreut hatte, erst sehr spät zurück, und auch vorgestern, wo ich bei der Verabschiedung der Stuttgardia zu Gast war, wurde es recht spät. Aber die eigentlichen Stürme kommen erst. Allerdings, die ehrenvolle Einladung zu den Geburtstagsfeiern in Bonn für uns
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| beide haben wir abgelehnt, weil das zu anstrengend würde und ein enormes Geld kosten würde. (Alle vom Großen Verdienstkreuz sind eingeladen.) Aber am Dienstag kommt Heuß nach Stuttgart. Wir fahren in einem Universitätswagen hin, nehmen an einer Theatervorstellung teil, fahren von dort nach Cannstatt zu einem Empfang um 22,30 und werden im günstigsten Falle um 1 wieder hier sein. Am Abend vorher ist Seminar, wo ich für ein missglücktes Referat einspringen muß; darauf folgt um 20 sogleich eine Sitzung betr. farbentragende Korporationen. Am Samstag 30.I ist Universitätsfest, zu dem wir also hier sein werden. An diesem Tage kommt auch von Heidelberg Euer Buchwald zu uns, der dann zu Ackerknecht, das ist der Gesuchte, weiterfährt. Die ganze Woche ist dick voll, so daß von Arbeiten auf lange keine Rede mehr sein wird. So lebt der Emeritierte.
Heute sind 2 Todesanzeigen gekommen. Frau Roethe ist im 86. Jahr gestorben. Außerdem Paul Morgner. Er hat noch die Freude gehabt, seinen Sohn Klaus mit Braut zu Weihnachten wiederzusehn. Der letztere kommt mit seinen Verlobungen besser voran als mit seinem Studium – anscheinend.
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Die nächste Sitzung der DFG führt mich leider nicht über Heidelberg. Sie ist diesmal in München und dauert 2½ Tage (18.–20. Februar.) Hoffentlich kann ich Frau Kerschensteiner besuchen. Aber es wird nicht am guten Willen fehlen, "irgendwie" auch wieder nach Heidelberg zu fahren.
Heute habe ich auf Reklamation endlich eine Auskunft vom Oberstaatsanwalt in Stuttgart über meine Brieftasche, die vor 11 Monaten gestohlen wurde, erhalten, und zwar erst auf Anfordern. Es ist natürllich nicht aufgeklart worden.
Heute waren wir bei meinem alten Mitschüler Hillgenberg. Morgen erwarten wir den Historiker Rothfels mit Frau zum Kaffee.
Damit wäre mein Film zu Ende. Aber nicht meine sorgenden Gedanken für Dich. Gönne Dir jede Erleichterung! Du weißt, daß Du nur damit mir eine echte Freude machen kannst. Laß z. B. telephonisch ein Auto kommen für einen Besuch, den Du vorhast, und ebenso zurück.
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Susanne und Ida, die ewig medizinierende, grüßen Dich herzlich. Allen voran
Dein
Eduard.