Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 23. Februar 1954.
Meine geliebte Freundin!
Daß ich diesmal nicht um den 25.II. herum in Heidelberg auftauchen kann, betrübt mich, wird Dich aber an dem Festtage selbst entlasten. Ich nehme an, daß Dich nur angenehme Leute besuchen werden (womit ich mich aber nicht zu den unangenehmen rechnen will), daß Du die cour con amore hinnimmst und Dir den Tag, etwa durch Bestellung Deiner tüchtigen Hilfe, erleichterst. Es ist Dir zu Ehren heute zum ersten Male Frühlingsluft. Wir Alten spüren das wohl mehr an den Knochen; als an den Pulsen. Aber man freut sich, daß es wieder dem Licht entgegengeht. Meine innigen Glückwünsche werde ich Dir zum Schluß aussprechen. Hier möchte ich nur dankbaren Empfin
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|dungen darüber Ausdruck geben, daß Du im 82. Jahr gnädig bewahrt worden bist, und die gütigen Lenker des Lebens bitten, daß das 83. Jahr von aufregenden Zwischenfällen frei bleibe!
Aus München bin ich in der üblichen Übermüdung zurückgekommen. Es blieb dort keine Zeit, jemanden (z. B. Louvaris oder Kuhn oder Lotte Geppert) zu besuchen. Aber manches war doch ganz heiter, und man findet immer angenehme Leute, wie den (mich allein an Alter übertreffenden) Otto Hahn, die Christine Teusch, oder beim Festessen meinen alten Verehrer, den munteren neuen hessischen Kultusminister und den bayrischen Staatsrat Meinzolt, der mir 1946 ein Extraordinariat angeboten hat. Diese ganze Herrlichkeit wird nun im Oktober ihr Ende finden: meine Wahlzeit läuft ab, und ich werde natürlich nicht mehr kandidieren. Der Präsident aber – wahrscheinlich auch nicht! (vertraulich!)
Hier ist der volle Ausverkauf. Ich schreibe Dir nur ein paar Namen von den Abgehenden auf: Thielicke, Gallas (nach Heid.) Dölle,
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| Zweigert; Weber (Phys.) Wenke, Kuhn, Butenandt ........ Kluckhohn hat, mit veranlaßt durch Ärger über Regelung seiner Nachfolge, eine Art Schlaganfall erlitten.
Zu den Konsequenzen dieser Dinge gehört es, daß ich – mit vollen Rechten wieder eintreten könnte. Dafür bedanke ich mich nun doch, obwohl es finanziell ein Vorteil wäre; zugleich würde es doch "Verpflichtungen" bedeuten, während ich bei "Gefälligkeiten" bleiben möchte. Wenke wird "zunächst" hier nur auf 1 Jahr beurlaubt. Ich erbiete mich, außer dem schon angekündigten Pestalozziübungen, zu einem 2stünd. pädagog. Kolloquium für die zum Studium beurlaubten Volksschullehrer. Die Vertretung wird noch aus anderen Darbietungen zusammengeflickt. Einen einigermaßen vollwertigen Nachfolger würden wir in keinem Fall finden. Sieh Dir also folgendes an:
Philosophie1. Ordinariat BollnowPäd.    Ordinariat:frei
2. Ordinariat unbesetztPsych. Extraord.  frei
3. Extraordinar.       "
Verfügbar: 1 Privatdozent
1 Emeritus.
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Es ist ja ganz hübsch, daß alle, die was wollen, noch zu dem alten Mann kommen, so der Minister, so der künftige (kath.) Rektor Arnold. Aber es ist auch wieder nichts Halbes und nichts Ganzes. Denn ich werde kaum mit den von außen kommenden Anforderungen fertig. Von eigner Arbeit, selbst von kleinen Aufsätzen, ist garnicht mehr die Rede. –
Der Pastor Henning, der zu unsrer Zeit in Tokyo war und vor ca 4 Jahren eine Tochter von Flitner geheiratet hat, ist plötzlich in den besten Jahren gestorben.
Heute kam ein Brief v. Frau Radbruch, die eine Fontaneschrift des verstorbenen Gatten noch einmal bei Ehrenfried Klotz drucken lassen möchte. Gadamer war auch in München. Übrigens auch Eurer immer angenehmer Gerhard Heß.
Gestern Abend habe ich das Rousseauseminar geschlossen, das mir viel Mühe gemacht hatte, zuletzt doch ein wenig in Gang gekommen war. Am Sonntag erwarten wir Louvaris.
Der Raum für die Geburtstagsglückswünsche scheint mir klein. Aber sie sind monadenhaft, d. h. von einer inneren Unendlichkeit. Was das bedeutet, haben wir beide mit- und aneinander erfahren. Was soll also noch gesagt werden, als das Eine, ganz tief empfundene: "Gott behüte Dich."   AEI
Dein Eduard.

[li. Rand] Susanne hat sich aus Alpirsbach etwas Grippeartiges mitgebracht. Sie hätte wohl heute besser im Bett bleiben sollen, ist aber doch aufgestanden.