Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. März 1954 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

4.III.54.
Meine geliebte Freundin!
Die letzten Tage waren nicht gerade sehr angenehm. Susanne hat bis Sonntag ganz gelegen und war hinterher so stark mitgenommen, wie es eben bei einer Grippe zu sein pflegt. Der am Sonntag zu Mittag erwartete liebe Freund Louvaris kam erst am Montag, blieb bis heute Mittag, hatte aber ein unklares Programm, so daß ich 3 Tage lang über m. Arbeitszeit nicht disponieren konnte. Er bleibt dabei der treueste Mensch, der ja auch seinerseits Opfer bringt, wenn er sich in dem uninteressanten Tübingen aufhält. Zunächst ist er nach Bonn gereist wird aber wohl in 4 Tagen "irgendwo" in Heidelberg einen Vortrag halten. Adenauer wird er in Bonn, aber nicht in Athen sehn.
Seit vielen Wochen lebe ich rein reaktiv, erledige nur, was von außen an mich herankommt, und kann kaum einmal einen Spaziergang machen. Die ganze Wenkeaffäre ist garnicht nach meinem Sinn, bringt immer weitere Anforderungen an mich und ist "überhaupt nicht so viel wert". So wird es nun auch
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| weitergehn. Nächste Woche kommen Prüfungen (Gefälligkeitssache), Vorträge in Nürtingen und Bad Boll. Rundfunkaufnahme. –
In dieser Stimmung empfinde ich es mit erhöhter Verdrießlichkeit, daß der Dieter mit Möbelwünschen an Dich herangetreten ist. Ich habe nicht das Glück, diese Art von Taktgefühl zu verstehen.
Abends habe ich jetzt Frankes (des China-Frankes) Lebenserinnerungen gelesen, die doch ganz interessant sind, obwohl etwas trocken, etwas philosophiefrei und – anscheinend – von der Zeit 1933–45 nichts wissend.
Morgen kommt ein Pastor aus der Ostzone, um Promotionsabsichten, die 10 Jahre alt sind, weiter zu fördern; außerdem Schmeil. Im ganzen 4 Besuche am Tage. Wie soll man sich da konzentrieren? Von Freitag an werde ich das Recht meiner eignen Lebengestaltung radikal wahren. Es geht nicht so weiter. Die Frühlingsluft macht auch kribbelig.
Von Frau Meinecke hatten wir einen wunderschönen tiefen Brief.
Innigste Wünsche und Grüße
Dein
Eduard.

[Fuß] Ich habe ein unerhörtes Verlangen, mal wieder 3 Tage in der Natur u. in der Stille zu existieren.
[li. Rand S. 1] Der Hermersberger Hof scheint ja von seiner Einsamkeit noch nicht viel verloren zu haben.
[Kopf S. 1] Fabeckstr. 13 ist wieder ein Rohr geplatzt