Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. März 1954 (Tübingen)


[1]
|
<da die S. 4 in den scans fehlt, ist sie nicht korrekturgelesen>
Tübingen, den 17. März 54.
Meine geliebte Freundin!
Unsre Brief haben sich wohl nicht gekreuzt, sondern meiner ist auf dem Wege zu Dir irgendwo hängen geblieben. Ich danke Dir herzlich für Dein Schreiben zum 12.III. –
Hier ist eigentlich alles etwas unnormal. Ida hat seit reichlich 10 Tagen eine sehr unangenehme Darmgrippe, wie sie in diesem Jahr häufig auftreten soll. Sie fängt an, etwas aufzustehen, hat aber zeitweise noch starke Schmerzen. Da die Tochter von Frau Tierok seit ihrer Verheiratung nicht mehr bei ihr wohnt, kann Ida oben liegen. Frau Tierok kocht auch für uns. Das Nötigste im Haushalt besorgt Susanne, der es wieder gut geht. – Für mich war es ungünstig, daß drei – neu zu machende – Vorträge und 28 Prüfungen sich in genau 8 Tagen zusammendräng
[2]
|ten. Infolgedessen meldet sich mein Herz nachts wieder stärker. Meine Schreibhilfe kann für mich nicht mehr tätig sein. Eine neue muß erst gesucht werden und muß sich einarbeiten.
In Nürtingen ("Sokrates") hatte ich 180–200 recht aufmerksame Hörer. Schluß 9.35, Abfahrt 9.45. Gestern bin ich 3 Stunden hin und 3 Stunden zurück nach Bad Boll unterwegs gewesen. Kleiner Kreis von 30 Leuten. Morgen spreche ich den Rundfunkvortrag auf Band. Gesendet wird er am 11. April.
Am Sonntag hatte unsre (Sekten)kirche ein Jubiläum, so daß wir vormittags teilnehmen mußten. Gleich danach besuchte ich den Ukrainer Dr. Oljantschyn bei Kretschmer, einen gutmütigen lieben Menschen, der aber Verfolgungswahn hat. Nachmittags machten wir einen Weg nach Kirchentellinsfurt, der mir aber zu viel wurde. Mit dem "Wandern" ist es nicht mehr weit her.
Vielleicht können wir Samstag endlich den Dr. Matussek zum Kaffee bei uns haben. Einladungen zu Tisch sind z. Z. nicht möglich. Sonntag sollen wir in dem Hohenzollernschen Schloß Lindich
[3]
| bei Hechingen
sein, um ein Apothekerlehrinstitut zu besichtigen. Montag kommt ein Professor Linke aus Frankfurt. Schmeil war auch einmal hier.
Eine offizielle Veranlassung über Heidelberg zu fahren, ergibt sich – ergäbe sich – um den 9. April. Ich werde diesmal wohl schwänzen, weil mir Düsseldorf für 1 Verhandlungstag zu weit wäre. Vielleicht komme ich einmal mit Sonntagskarte. Aber zur Zeit reichen die Kräfte leider noch nicht aus. Die Präsidentschaft bei der DFG endet für mich spätestens im Oktober.
Frau Meinecke ist dabei, Haus und Bibliothek zu verkaufen.
Christiane war zu ihrem "Immertag“, den Tag ihrer endgiltigen Aufnahme in das Haus v. Holzhausen, nahe an einer Lungenentzündung. Wir haben ihr ein "Poesiealbum" geschenkt. Im Hause Jeangros ist Anfang April Hochzeit. Die Tochter heiratet einen Engländer.
Wenke baut nun hier ab. Der neue Rektor (kath. Theol.) ist verzagt, ob er das anspruchsvoll gewordene Amt bewältigen wird. Unter den Kollegen sind 2 ernsthaft krank: Kluckhohn und Brinkmann
[4]
|
Ihr habt Marianne Weber verloren – zweifelsohne eine sehr bedeutende Frau. Das Ausgrabungsbild erweist seine Herkunft aus der Faschingsnummer.
Was die Dieterei betrifft, so beruhigt es mich, daß die angemessenen Formen sich doch hinterher noch eingestellt haben. Kramerei und Unruhe wird Dir die Sache dort bringen. Ich wiederhole, daß man – wir Alten – im Frühling jede Überanstrengung des Herzen sorgfältig vermeiden sollen. Ebene Wege sind in geringen Maßen erlaubt. Ob wir noch einmal auf den "neuen alten" Kohlhof kommen werden? Daß wir einen Spaziergang hinter dem Schütteturm bei Horb gemacht haben, habe ich wohl noch nicht erzählt. Wir suchten das Judendorf Rexingen, haben es aber nicht gefunden, und auch dieser Weg wurde etwas viel.
Vor dem 21. Mai werde ich wohl nicht mehr zu reden haben.
So – nun ist über den Lauf der Tage wieder einiges erzählt. Ich hoffe, dass Du Deinerseits Gutes berichten kannst. Mit dem Heizen wirst Du wohl noch bis Ende April – wegen der Nordlage – zu rechnen haben. Aber man merkt über Mittag doch schon etwas vom Frühling.
Susanne und Ida grüßen herzlich.
Stets Dein
Eduard.
[li. Rand] Bei dem jungen Ehepaar Herchenbach eine Frühgeburt!