Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. März 1954 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

26.III.54.
Meine geliebte Freundin!
Wir haben nun endlich den Besuch von Dr. Norbert Matussek gehabt. Das angenehme Bild, das ich von ihm aus Deinen Schilderungen hatte, ist dadurch bestätigt worden. Wir hoffen, ihn von Zeit zu Zeit wiederzusehen.
Sonst "ist nicht viel los". Sehr betrübt hat mich der Tod von Frau Kerschensteiner. Sie hat lange kämpfen müssen. Wie traurig, daß sie nun den 100. Geburtstag ihres Gatten nicht mehr mitfeiern kann! Ich hatte im Lauf der Zeit eine recht herzliche Beziehung zu ihr gewonnen.
Ida hat sich von ihrer abscheulichen Darmgrippe noch immer nicht erholt. Sie kann nur halb tätig sein. Leider müssen wir fürchten, daß noch mehr dahinter steckt. Vielleicht Leber? Ihr "Doktor", der quasi jetzt auch meiner ist (Dr. Schramm), ist wieder einmal
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| für 8 Tage nicht erreichbar.
Ich bin doch auch recht invalide geworden. Zur Zeit fehlt mir sogar ein richtiger Arbeitsplan. Die Erfahrung hat gelehrt, daß ich doch gleich wieder herausgerissen werde, wenn ich etwas anfange. Auch fehlt für ein großes Vorhaben die Kraft.
Der Präsident Raiser hat die Liebenswürdigkeit gehabt, mich von der Sitzung in Düsseldorf zu dispensieren. Dadurch erholte ich die Möglichkeit, an der Enthüllung des Lionardoschen Abendmahls in Haigerloch am 10. April teilzunehmen. Gleichzeitig fällt aber auch das Projekt fort, am 7.IV. auf der Fahrt nach Düsseldorf in Heidelberg Station zu machen. Ich habe nun vor am Sonntag 4. April auf Sontagskarte zu kommen. Es wird vom Wetter und beiderseitigen Befinden abhängen, wie wir die Stunden des Zusammensein verbringen. Wenn ich frisch genug bin, komme ich um 11.51; andernfalls erst 13.13. Abfahrt 17.43. Genaueres schreibe ich noch rechtzeitig. Hoffentlich paßt es Dir. Ich freue mich sehr auf das Wiedersehn.
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Die Rede über mein Leben, die ich hier gehalten habe, war nur in 2 Teilen identisch mit der, die Du gelesen hast. Sonst war sie ganz anders angelegt.
Louvaris hat bei Euch im Kunstverein über Erlebnisse vom Berg Athos gesprochen. Das erfahren wir heute dadurch, daß ein Bändchen Gedichte, von Rudolf Paulsen gelegt, in das große Ankündigungsplakat eingewickelt war.
Die Wutachschlucht ist schon lange bedroht. Man soll ja nicht unterlassen, dagegen zu protestieren. Ich weiß nur nicht, an welche Adresse man seine Unterschrift senden soll.
Wir hatten Besuch von einen Frankfurter Professor Linke mit Frau und Söhnchen, der nach Bern zu Jeangros weiterfuhr. Außerdem war Frau Wenke hierx) [Fuß] x) und Frau Hangleiter., die sehr angenehm geworden ist. Von ihm ist schon seit langem nichts zu sehn.
Hedwig Koch fährt jetzt nach Amerika.
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Von dem Schicksal des damaligen Generalkonsuls Wagner, späteren Gesandten in Mandschukuo, habe ich jetzt einen ausführlichen Bericht an das Auswärtige Amt gelesen. Sie ist Anfang des Jahres zurückgekehrt, aber noch sehr elend.
Mit meinem wirklich sehr hübschen Rundfunkvortrag für den 11. April (Radio Stuttgart) habe ich viel Ärger gehabt. Er ist um 4 Minuten zu lang geraten. Wenn dann weg geschnitten wird, geht der ganze Aufbau kaputt.
Aber ich will nicht in Einzelheiten fortfahren. Hoffe ich doch, davon bald mündlich berichten zu können.
Ich schließe also für heute mit den üblichen, aber immer gleich intensiven und tief empfundenen Wünschen. Alle grüßen mit mir. Behandle Dich so, wie es Dir gut tut und gut bekommt!
Innigst Dein
Eduard