Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15./16. April 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 15. April 54.
Meine geliebte Freundin!
Hier kommt ein komisches Osterei. Vielleicht ist es sogar ein wenig faul.
Neulich in Rainbach war es sehr schön. Wenn die Zeit auch nur kurz war und die sommerlichen Annehmlichkeiten fehlten, so haben wir doch einmal wieder über alles gesprochen. Das Ehepaar Rothfels, das wir auf dem Bahnhof trafen, kam von Göttingen und Hannover, wo über seine Berufung verhandelt worden ist. Wir würden es sehr beklagen, wenn wir auch diese Freunde hier verlieren müßten. – Von Stuttgart an setzten wir uns zusammen.
Tags darauf war ich bei Dr. Schramm. Blutdruck ist bei 160 geblieben, also nicht schlimm. Er versucht es nun – 3 Wochen lang – mit der Digitalisierung des Herzens. Nach sub
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|jektivem Befinden wirken sein [über der Zeile] die Tropfen gut.
Am Samstag fuhr uns der Regierungsbaurat Blunck mit Frau in seinem Auto nach Haigerloch. Kaffeestation in Hechingen. Die Feier für den 80jährigen Maler Schüz war würdig. Das Bild muß man sich ein andres Mal genauer besehen. Hinterher blieben wir 4 nicht länger in der Gesellschaft, sondern fuhren via Eyach über das Neckartal heim.
Sonntag haten wir den angenehmen Dr. Matussek zu Tisch, wie er Dir wohl schon erzählt hat. Montag Vorm. war Vertretertagung der "Gewerkschaft [über der Zeile] ! Erziehung [re. Rand] = Lehrer und Wissenschaft." Die größte Freude dabei war für mich, den Minister Bäuerle, der ein schweres Herzleiden hatte, ziemlich wiederhergestellt zu sehen. Für mich fiel der übliche Gruß an den "Altmeister der Pädagogik" ab, der warm aufgenommen wurde.
Zwischendurch habe ich einen langen Aufsatz "Das Rätsel Sokrates" geschrieben. Susanne wird die Feiertage daran abzuschreiben haben. Er ist für einen ziemlich obskuren Druckort bestimmt, aber nicht schlecht geraten.
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Mittwoch besuchte ich den hoffnungslosen Patienten in der Radnuklinik, dann Nieschling in der Augenklinik. Nachm. lange Besichtigung des von Blunck erbauten neuen Pharmazeutischen Instituts, mit dem neuen Rektor u. anderen. Heute Nachm. waren wir kurz bei der Familie Wais, nachher kam die Schreibhilfe Frau Schwarz. Es ist heute greuliches Aprilwetter, und ich hoffe, daß Du nicht ausgegangen bist.
Meine allerälteste Freundschaft, noch etwas älter als Hermann, meine Erzieherin Frau Schumann, geb. Beger, ist in Erfurt mit 86 Jahren gestorben.
Die zu erwartenden Unternehmunge der nächsten Zeit sind folgende: Samstag Nachm. mit dem Inder Hussain, der Ende des Monats abreist, honoris causa nach Bad Niedernau. Sonntag kommt vielleicht das frz. Ehepaar Thieberger. Sonst liegt für die Feiertage nichts Bestimmtes vor. Am Donnerstag 22.IV besuche ich Th. Haering zu seinem 70. Geburtstag, am Nachm. aber möchten wir nach Überlingen, Hôtel zum Anker, abreisen. Dort können wir längstens bis zum 30. April bleiben.

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16.IV.54
Anbei kommt die Photographie zurück. Wißtannen ist ein einzeln gelegenes Gehöft hinter Hohfluh, auf dem Wege nach Goldern, wo der Paulus Geheeb sitzt. Es ist heute keine Pension mehr.
Ida läßt für die Chokolade herzlich danken. Essen muß sie die Schwester, da sie noch nichst Süßes verträgt. Sie will dafür sorgen, daß während unsrer Abwesenheit mein Arbeitszimmer restauriert wird. Das ist dringend nötig. Aber den dann vermehrten Staub auf den Büchern wegzubringen – wer hat dazu Zeit und Kraft?
Heute haben wir Schneefälle. Du wirst wohl auch zu Ostern nichts Besonderes vorhaben. Man wartet am besten ab, bis man einmal draußen sitzen kann. Aber für das "Sich-von-innen-Besehen" wünsche ich all[über der Zeile] es Freundliche und Friedliche. Sei innigst gegrüßt von der ganzen Sippe und Deinem
knochenklapprigen
Eduard