Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. April 1954 (Überlingen)


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Überlingen, den 26. April 54.
Meine geliebte Freundin!
Die Ostertage hast Du hoffentlich trotz des abscheulichen Wetters erträglich verlebt und befindest Dich so wohl, wie es das Geburtsdatum und die Launen des sog. Frühlings gestatten. Wie geht es eigentlich weiter mit der Behandlung der Stelle über der Stirn? Hier in Ü. habe ich noch keine Nachricht von Dir erhalten, hoffe aber auf die Mittagspost.
Wir haben am 1. Ostertag Thiebergers bei uns gehabt. Der Inder, der am 28.IV aus Deutschland abreißt, hat sich noch eine Erkältung geholt. Wir haben ihn zweimal in der Klinik besucht. Vor der Abreise war auch bei mit der Dr. Schramm noch einmal. Ich habe einen neuen Schaden zum alten: die Innenseite des linken Knies tut seit längerer Zeit weh, so daß man auf Knochenhaut- oder Nervenentzündung raten möchte. Herr Dr Schramm sagte aber gleich liebenswürdig: es könne arthritis deformans sein; die setze gern
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| an dieser Stelle an. Vorläufig ist das G[über der zeile] elenk selbst nicht affiziert, die Schmerzen sind auch nicht andauernd. Aber es zieht mir auch sonst so im Leibe herum, wie bei einem Rheumatismus. Wenn der nun eine andre Ursache haben soll als das Alter, dann wird er wohl von den Giften kommen, die ich seit 1 Jahr zu mir nehmen muß. Das letzte Herzmittel, das sonst gut wirkte, habe ich daher einmal abgestellt.
Diesen Augenblick – ¾ 9 – kommt Dein blauer Brief. Ich freue mich sehr darüber und wünsche, daß Du den gestrigen Sonntag in guter Form überwunden hast. Die unbekannte Großnichte unterzubringen, ist nicht eigentlich Deine Sache.
Also: Am 22.IV ging ich fromm mit Dr. Fetscher, um dem Häring zum 70. zu gratulieren. Der gute Mann war klug genug, nicht zu Hause zu sein. Nach vielen Aufräumen – wegen der Reperatur m. Arbeitszimmers – fuhren wir gegen 16. ab und waren 20.10 hier. Es war noch recht kalt. Aber ab Freitag trat Erwärmung und Aufheiterung ein. Gestern früh – noch sehr kalt (9°Cel) war ein Tag, der absolute Haltbarkeit versprach. Ein "Idealtag!". Wir bestellten uns um 10 für 7 M + 70
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| ein Taxi, das uns bergauf in das inwärts gelegene Dorf Nesselwang[] en brachte. Von dort – denn vom Tal aus hätte ich es nicht mehr geschafft – gingen wir nach dem Haldenhof. [über der Zeile] 1 Stde. Dort war alles im Freien gedeckt. Wir genossen die Aussicht von den Steinbalmen (Stechpalmen), aßen dann recht gut im Innern des (jetzt noblem) Restaurants und wollten einen Mittagsschlafersatz im Walde halten. Nach einer Viertelstunde beunruhigte uns eine schwarze Wand im Nordwesten, sie kam mit ungeheurer Geschwindigkeit herauf, ein kurzer Sturm brach los, alles flüchtete ins Haus. Viel Regen kam dann freilich nicht; aber es wurde recht kalt. Auf einem kleinen Umweg gingen wir nach Sipplingen herunter. Dort mußten wir, schließlich stark frierend, 1¾ Stunden auf den Omnibus nach Ü. warten. Im Freien – denn zweimal Trinken am Nachm. ist mir nicht mehr erlaubt.
Ich gedachte unsres vergnügten Abstiegs vom Haldenhof vor 28 Jahren nach Überlingen lebhaft!
Die Blüte ist bisher recht dürftig. Wir werden sie in der Fülle nicht mehr erleben. Denn Freitag abend müssen wir wieder in Tübingen sein. Wir waren übrigens am Samstag auf dem anderen Ufer, schafften aber mit Mühe den Weg von Dingelsdorf nach Wallhausen u. zurück. Der letzte
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| Dampfer trifft hier 17.05 ein!
Nun muß ich diesen Bericht abbrechen. Ich muß noch an Lore schreiben – denn morgen 27.IV ist Vater Riehls Geburtstag. Du erinnerst Dich an 1914 – Korrekturen auf der Mainau!
Wir beide wünschen Dir günstiges Befinden und grüßen Dich herzlich – ich im Bewußtsein der ständigen Gegenwart unsrer gemeinsamen Bodenseewelt.
Innigst
Dein
Eduard