Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Mai 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 2. Mai 1954.
Meine geliebte Freundin!
Bei der Heimkehr zu erfahren, dass Du sehr stark erkältet bist, war mir ein unlieber Empfang. Nach der Ursache braucht man bei dem abscheulichen kalten Wetter nicht lange zu suchen. Es kam aber wohl als ungünstige Kraftausgabe hinzu, daß immer 2 Beanspruchungen auf den gleichen Tag treffen. Du solltest auch einmal Unangemeldete unter Hinweis auf Deine Schonungsbedürftigkeit um Abkürzung ihres Bleibens bitten. Daß Frau Wüst so treu hilft und sorgt, ist mir eine Beruhigung, und ich bin ihr sehr dankbar. Für mich wäre es eine Herzenserleichterung, wenn Du bald von besserem Befinden berichten könntest. Bleibe zunächst doch möglichst zu Hause!
Ich fühle mit, daß das traurige Dachsteinereignis in Dir älteste Wunden aufrührt. Wir haben ja Bezirke in uns, um die man möglichst herumzugehen trachtet, weil in ihnen Schicksale liegen, mit denen man nicht fertig geworden ist und nie fertig werden kann. Auch
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| das verwandte Schicksal des edlen Kühne hat mich damals lange und tief erschüttert. Bei dem Fall Dachstein wird es mir außerdem aber schwer, über die grenzenlose Fahrlässigkeit des Lehrers hinwegzukommen.
Im Überlinger "Anker" tauchte eines Tages der juristische Kollege Gallas auf, dem wir neulich am Bhf Heidelberg begegnet sind. (Er hat nun in Heidelberg, Obere Bergstr, eine hübsche Wohnung gefunden. Seine sympathische Frau ist eine Schülerin – diesmal von Susanne!) Er war allein zur Ostererholung in Horn (Du weißt, bei Gaienhofen.)
Viel haben wir in Ü. nicht mehr unternommen. Ein scharfer Nordostwind blieb trotz zeitweiliger Sonne angreifend. Einmal sind wir mit der Bahn nach Mimmenhausen gefahren, von dort in 50 Min. nach [re. Rand] } Flesch! Salem, wo wir nur die Kirche besichtigten, und dann ebenso zurück. Am letzten Nachm. fuhren wir mit dem Dampfer nach Unteruhldingen und marschierten gemächlich in 4 Stunden die 9 km zurück! Auch das hat mich sehr angestrengt. Überhaupt war nützlich wohl nur die viele frische Luft. Sonst fehlte es an Stimmung. Der
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| Vergleich mit der Leistungsfähigkeit im vorigen Jahr ist natürlich bedrückend gewesen. Am Freitag um 14 Uhr fuhren wir zunächst mit dem Eisenbahnomnibus [über der Zeile] Bu-Bus nach Radolfzell. Er geht über Bodman, was wir leider vorher nicht wußten. Wir wären vielleicht dorthin gefahren. Kurz vor Radolfzell fiel mir in einer Kurve Susannes ganz gut untergebrachte Reisetasche auf den Kopf. Außer einem kleinen Schock (Choc?) hat der Zwischenfall nichts gebracht. Wir hatten 10 Min. Zeit, in Rad. an den See zu gehen und nach der Spitze der Reichenau hinüberzusehen, die im Dunst recht mürrisch dalag. Am Bahnhof trafen wir dann wieder den Gallas; wir fuhren mit ihm – ohne Umsteigen in Horb! – nach Tübingen zurück.
Hier empfing mich ein strahlend geweißtes und um die Regale herum neu tapeziertes Arbeitszimmer – aber auch der übliche Berg Post. (Im ganzen außer den Zeitschriften und dgl. 60 Nummern für 8 Tage.) Gestern habe ich Nieschling über uns besucht, der 2 Tage vorher am Grünen Star operiert worden ist. Heute war ich wieder bei ihm. Er ist ganz zufrieden. Der krebskranke Kollege Brinkmann hingegen ist inzwischen aus der Med. Klinik in sein Haus in
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| Oberstdorf transportiert worden ...........
Vorläufig lese ich unablässig in Meineckes Schriften für den Nachruf, den ich am 31. Mai beim Kapitel des Pour le mérite in Bonn halten soll. Am 4. Mai beginnt das eine der Seminare; am 7. Mai ist hier Rektoratsübergabe, also Abschied von Wenke. Am 15. Mai Präsidium der DFG in Stuttgart.
Das Knie ist etwas besser, auch die übrigen Knochenbeschwerden. In den beiden Feiertagen waren wir nur im Botanischen Garten, den wir ja ganz allein für uns haben. Wir wurden heute bald durch einen Gewittersturm vertrieben. Das Ausreißen empfiehlt sich auch deshalb, weil dort ein Riesenbaum nach dem anderen umstürzt.
Die übliche Sendung geht morgen oder übermorgen ab. Ich wünsche noch einmal von Herzen gute Besserung. Auch eine Karte würde mich beruhigen. Strenge Dich nicht etwa "aus Pflichtgefühl" an.
Susanne und Ida grüßen herzlich. Ich bin, wie stets, Dir nah in innerer, innerster Zweisamkeit.
Dein
Eduard.