Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Juni 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 21. Juni 54.
Meine geliebte Freundin!
Dieser längste Tag bringt eine Schwüle, daß man selbst zum Briefschreiben zu faul ist. Ich danke Dir, daß Du am 15.6. die Kraft dazu aufgebracht hast.
Als wir uns in Heidelberg sahen, ging es mir eigentlich recht schlecht. Am nächsten Tage kam gegen 11 der Dr. Becker aus Augsburg mit s. kleinen Wagen und brachte uns über das beinahe wiederhergestellte Freudenstadt nach Zwieselberg. Dort war ein Schwarm von Menschen, obwohl es so kalt war, daß ich meinen dickeren Mantel angezogen hatte. Wir aßen sehr gut, hatte eine knappe Stunde, um an der Luft zu sein, und tranken im Adrionshof Kaffee. Dann Heimfahrt; er noch bis Augsburg.
Dies war der dritte Tag ohne Mittagsschlaf, was offenbar nicht mehr geht. Am Montag war ich total entkräftet, mußte mir aber noch den Entwurf des Vortrages für die hiesige
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| Lehrerkonferenz am Dienstag abquälen. Der glückte ganz ordentlich, bis auf das Verpuffen aller Witze – aus Respekt. Nachm. war dann Frau (Julius) Petersenx) [re. Rand] x) berichtete über die sehr gut gelungene Goetheversammlung, der aber "das dicke Ende" wohl folgen wird., direkt von Weimar kommend, bei uns, und abends mußte ich noch das Pestalozziseminar halten. Gottlob bin ich nicht noch zu der dann folgenden Veranstaltung zum 17.6. gegangen, die 2½ Stunden gedauert haben soll!
Es kamen dann 2 ruhige Tage. Am Freitag hielt der frühere Universitätsoffizier von Tübingen hier seine Abschiedsrede (recht nett; geht nach USA.) Am Samstag kam in Stuttgart das Comité Culturel mixte einmal wieder zusammen, auch zum letzten Mal mit Cheval. Aber gleich nach 16 war ich wieder zu Hause. Gestern waren wir bei den jungen Herchenbachs zum Kaffee eingeladen: Sie haben eben das Siebenmonatskind getauft. Aus diesem Anlaß waren auch die alten Herchenbachs aus Halle da. Ihn hatte ich wohl seit 25 Jahren nicht gesehen. Aber die Hitze (u. s. Schwer
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|hörigkeit) war schuld, daß sich keine sehr ersprießliche Unterhaltung entwickelte.
In den letzten Tagen habe ich außerdem einen Aufsatz für die "Deutsche Zeitung" fertig gestellt, der mich interessiert hat. In dieser Woche ist – durch Einlegen – dreimal Seminar. Morgen Feier des 80. Geburtstages vom Altphilologen Walter F. Otto.
Merket auf! Es ist eine unbedingte Notwendigkeit, am 27.6. nicht hier zu sein. Bis jetzt sind schon 2 Ständchen etc. angekündigt. Wir werden also am Freitag Nachm. abfahren – höchst wahrscheinlich nach Sigmaringen – und dort bis Sonntag Abend bleiben. Eine Adresse dort ist aber noch nicht angebbar.
Litt ist seit wenigen Tagen wieder zu Hause; aber er muß den bekannten Apparat wohl 10 Wochen tragen. Nieschling sollte vorgestern hier seine Augen vorführen. Aber da der Professor verreist ist mußte seine wie meine Untersuchung verschoben werden.
Von Wenke hört man nichts, auch seine Frau anscheinend nicht.
Die nächste Sitzung der DFG ist in Stuttgart (2. 3./Juli) da kommt
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| also kein Wiedersehn heraus. Am 17.7. Comité Culturel in Freiburg. Also kaum an einem Wochenende zu Hause!
Die Wärme erleichtert anscheinend die Herztätigkeit. Da aber der Durst sehr fühlbar ist, muß man wieder mehr Flüssigkeit aufnehmen.
Von Sigmaringen ("oder wo") kommt nur eine Ansichtskarte. Ich werde dort wiederum an unsre Wege (1928?) denken.
Auch heute nimm mit diesem dürren Bericht vorlieb. Es sind viele Briefe liegen geblieben, die ich heute Nachm. noch bewältigen muß.
Susanne war von dem kurzen Aufenthalt in A. ganz befriedigt. Eigentlich wollten wir am 26.6. wieder dorthin gehen. Aber da sind zu diesem Tage — die ganze Tübinger und die Freiburger Phil. Fak., vielleicht einschließlich Heidegger!!
Passe Dich dem plötzlichen Sommer mit Vorsicht an! Kopf nicht direkt der Sonne exponieren! Keine Anstrengungen! Taxi vom Bahnhof kostet nur 2,50, ist also ev. dem <li. Rand> Kampf um die Elektrische vorzuziehen.
Alle grüßen vielmals; am lautesten Dein Eduard