Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Juli 1954 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 8.7.54.
Meine geliebte Freundin!
Die weitgehenden Schäden des Geburtstages sind notdürftig ausgebessert. Nur etwa 50 Briefe sind noch unbeantwortet. Nun aber ist es höchste Zeit, Dir für Deine liebe Sendung zu danken. Das wiedererstandene Notizbuch begrüßte mich sogleich wie ein alter Bekannter. Der Hülle nach war es das hübscheste, das ich gehabt habe. Wie ist der Inhalt in Deinen Besitz gekommen? Er bezieht sich auf die Anfänge bei Knauer und enthält die Ausgaben auf der Reise nach Churwalden. Ich kann auch den Tag von Ragaz feststellen, der sich in diesem Jahre wiederholen würde, wenn ich der Einladung dorthin zur Schellingfeier folgte. Aber das beabsichtige ich nicht. Der Vikar v. Wakefield wäre für mich eine ganz neue Lektüre. Ich wage mich jetzt nicht heran, weil ich Geschichten
[2]
| zum Weinen jetzt nicht liebe. Aber eine Lücke in meiner Goetheliteratur wird damit ausgefüllt. Ich bin Dir also sehr dankbar, noch mehr jedoch für das Notizbuch, in dem so viel von unsrer schon 1908 blühenden Gemeinsamkeit zu lesen ist.
Schade, daß Hermann nicht für länger kommt. Bei diesem kläglichen Sommer, in dem man nicht viel draußen sein kann, wäre etwas Abwechslung erwünscht. Wohin soll man ihm nun eigentlich zum 12.7. gratulieren?
Die vorige Woche war nicht angenehm. Wegen des Versandes von 90 Drucksachen mit Zusätzen, z. T. mit Briefen, kam ich zu gar keiner fachlichen Arbeit. Freitag Nachm. und Samstag den ganzen Tag war außerdem DFG in Stuttgart. Auch diesmal waren 8 Stunden Fahrt hinzuzuzählen.
In den letzten Tagen wurde mir sehr dringend die Präsidentenstelle, die ich für die Zentrale Bonn ausgeschlagen hatte, für die provinzielle Organisation
[3]
| Stuttgart angesonnen. Ich bin in diesem Fall natürlich erst recht fest geblieben. Übrigens hat eine Oststelle schon in einer Zeitung öffentlich die Frage aufgeworfen, wie ich meine Stelle als Vicepräsident der G.G mit der Zugehörigkeit zu der militaristischen Organisation "Unteilbares Deutschland" vereinigen will.
Auch Litt hat das Präsidium nach ernsten Erwägungen aus Altersgründen abgelehnt.
Gestern war Wenke nach vielen Wochen wieder einmal für ¾ Stunden bei mir. Daß er einen Vortrag in Heidelberg halten sollte, war ihm nicht bekannt.
Bei der Kerschensteinerfeier in München scheint es ziemlich rustikal zugegangen zu sein. Ein journalist. Weibsbild (Gabriele Fernau-Kerschensteiner, war vor Jahrzehnten auch mal bei uns) hat eine sog. Biographie geschrieben, die in dem heute üblichen frechen Ton gehalten ist. Hinten ist auch ein sehr intimer Brief von mir abgedruckt; die Erlaubnis hierzu ist von mir nicht erbeten worden. So "feiert" man die Großen in Deutschland.
Der Wirrwarr der letzten Woche hat zur
[4]
| Folge, daß ich nicht weiß, ob ich Dir die Immatrikulationsrede von mir schon zugesandt habe (?) Es schadet nichts; denn Du wirst noch mit dem Vorigen zu tun haben. Inzwischen ist auch ein großer Artikel von mir über Japan in der Dtsch. Ztg. erschienen.
Die zweite Augenuntersuchung hat anscheinend ergeben, daß objektiv nicht so viel da ist, wie mich subjektiv stört. Auf der linken Seite ist wohl grauer Star im gange. Vierteljährlich soll nachgeprüft werden, ob gegen Glaukom etwas getan werden muß.
Die nächste Woche wird wieder sehr schlimm werden. U.a. 3 auswärtige Besuche schon jetzt angekündigt: der Affenköster, (USA), Derbolav (Saargebiet) Bork (Berlin.) Die Leistungen im Pestalozziseminar sind unter jedem wissenschaftlichen Niveau, was ich vorgestern deutlich erklärt habe. Allerdings ist der Gegenstand auch sehr schwer.
Am 17.7. "soll" ich mit dem Comité Culturel nach Freiburg fahren (eine Kraftfrage.) Augenblicklich geht es mir etwas besser. Vielleicht eine Wirkung des Übergangs zum Burgunder?
Ich muß jetzt gleich zu dem Colloquium mit den Pädagogen. Deshalb komme ich nur noch einmal auf meine freudige und innige Danksagung zurück. Welche Wünsche mich für Dich bewegen, weißt Du ohne Worte. <li. Rand> Schone Dich und pflege Dich und mach Dir kein Gedanken über das "Wenn ich" und "hätte ich", die von allen Die unfruchtbarsten sind., Susanne <re. Rand> und Ida grüßen herzlich. In zeitlosem Verbundensein Dein Eduard