Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Juli 1954 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 25. Juli 54.
Meine geliebte Freundin!
Die Unterbrechung in meinen Nachrichten ist so lang geworden, daß ich den Zeitpunkt, von dem ich ausgehen könnte, garnicht mehr finde. Ich habe ziemlich anstrengend zu tun gehabt, was aber günstig auf mein Befinden gewirkt hat: es fehlte die Zeit, darauf zu achten. Die Rezension eines Schweizer Buches: Hans Barth, Pestalozzis "Philosophie der Politik" war sehr mühselig, aber doch insofern anregend, als man an solchen Sachen seine Meisterschaft erprobt. In der vorigen Woche bin ich abends 5mal ausgegangen, was ich sonst am liebsten vermeide. Anlaß waren u. a. 2 Reden zum Gedächtnis des 20. Juli, politische Informationsvorträge und – vorgestern – der Besuch von Jeangros beginnend um ½ 10 und endend um 22 (dabei in Bad Niedernau!)
[2]
|
In der vorigen Woche ist auch Werner Jaeger hier gewesen, mit der jüngsten Tochter, einmal zum Kaffee bei uns, am nächsten Mittag wurde ihm ein Essen im "Lamm" gegeben. Daneben mußten die Seminare um so sorgfältiger vorbereitet werden, als die "Belegschaft" selbst nur Stümpereien zustande bringt. Es fehlt absolut die Solidität der Leistung, wie wir sie musikalisch z. B. heute Vormittag beim Stiftungsfest einer Musikverbindung dankbar empfanden. Nachmittags waren wir bei dem Archäologen Schweitzer, der in dem – von uns damals nicht erreichten – entzückenden Schloß Kreßbach wohnt. Es war ein Sonntag ohne Regen, aber so föhnisch, daß es selbst Susanne schwer zusetzte. Wir wurden übrigens im Auto abgeholt und zurück gebracht.
Nun dauert das Semester nur noch eine Woche, und zwar so: Morgen (Montag) sind ca 22 Seminarreferenten für 16–19 in den
[3]
| "Hirschen" in Bebenhausen von uns eingeladen. Dienstag Mittagessen für den ehemal amerikanischen Botschafter in Moskau Kennan, 17 Uhr Vortrag von ihm, 18 Uhr eignes Seminar. Am Donnerstag, Kerschensteiners 100. Geburtstag [über der Zeile] 29.VII, schließt auch das Colloquium. Nachm. Komissionssitzung betr. Korporationen. Freitag Nachm. Universitätsausflug (300 Personen) nach dem neu hergerichteten Bad Niedernau.
Die Besserung meines Befindens hängt vielleicht auch damit zusammen, daß mir der Übergang zum Burgunder gut bekommen ist. Infolgedessen denke ich nicht mehr an einen Sanatoriumsaufenthalt im August. Aber die Überlegungen: wohin? haben noch zu garkeinem Resultat geführt Unter den Orten, die kandidieren, befinden sich Schönwald [über der Zeile] !, Todtmoos und Heiden. Aber überall ist es furchtbar teuer.
Hermann wird Dich gestern verlassen haben. Hoffentlich hat er Dich bei dem anstrengenden Geschäft der Räumerei zweckmäßig entlastet. Es ist für Dich besonders wichtig, niemals über das Maß der Kräfte hinauszugehen. Alles andre kommt
[4]
| erst in 2. Linie.
Unter den Rednern hier war übrigens auch ein Prof. Arnold Brecht, der jetzt in Heidelberg Gastprofessor aus USA ist. Er hat mich liebenswürdiger Weise aufgesucht. Du kannst Dir denken, daß der Zustrom von Reisenden um diese Zeit über das hinausgeht, was ich leisten kann. Infolgedessen blieben Prof. Bock aus Buenos Aires und Prof. Suzuki aus Kyoto ungesehen.
Durch den Posteingang ist schon garnicht hindurch zu kommen. So ist eine recht zerstreuende Lebensweise mein Schicksal in einem Alter, in dem man eigentlich anderes sucht. Den Vorteil hat nur das wiederhergestellte Notizbuch, in dem ich mir von den Vorträgen etwas notiere.
Mit diesem "nachholenden" Bericht nimm bitte heute vorlieb. Es werden ja hoffentlich von Anfang August an etwas ruhigere Tage kommen, in denen ich Dir wieder Vernünftigeres schreiben kann.
Indessen fühlst Du doch das tiefe Band, das immer da ist. In diesem Geiste sei innigst gegrüßt. Das Wibervolk grüßt ebenfalls.
Dein
Eduard.

[li. Rand] Sehr alter Nachtrag: Frl. Geppert hat erzählt, daß Felizitas schwer kann ist. Sie hat auch zum Geburtstag nicht geschrieben. Leider fällt alles unter die variierte Überschrift: "Unordnung u. spätes Leid."