Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1954 (Heiden)


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Heiden (Schweiz) Arbeitschule
bei Herrn Kaufmann
13. Aug. 1954   18 Uhr.
Meine geliebte Freundin!
Wir sind jetzt schon den 4. Tag hier und haben wohl jede mögliche Wetterlage bereits erlebt, anfangs auch recht ungemütliche Kälte. Das Zimmer ist sehr nett: 2 Fenster nach der Hauptstr, 2 Fenster ins Grüne mit Blick auf Lindau und Bregenz. Sonst einfach. Die "Linde" ist auch ganz sympathisch; allerdings ein sehr langweiliges und gelangweiltes Publikum in dem Speisesaal (mit ca 30 Gästen.) Etwas bedrückend ist für mich, daß ich fast garnichts mehr unternehmen kann, während ich 1929 alle möglichen Orte zu Fuß erreichen konnte. Gestern – beim 2. Anlauf unter Benutzung der Post bis Grub – gelang mir der Aufstieg von ca 150 m auf den Fünfländerblick. Aber es geschah bei Regen, und die einfache Kneipe oben war dick voll. Blick durch Wolken beschränkt. Verändert hat sich hier eigentlich nichts; nur die Preise sind höher geworden. Selbst bei bescheidenstem Verhalten gibt man ein enormes Geld aus. Es
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| würde einigermaßen langweilig werden, wenn ich nicht in dem "Buch der Betrachtungen" von ehemals und immer läse. Wir könnten wohl allerhand Besuche haben, z. B. von St. Gallen 3, u. a. den Dr. Steiger, oder Binswanger v. Kreuzlingen oder Corti (Pestalozzidorf Trogen), oder Stettbacher. Aber solche Bindungen möchte ich für den Anfang auch wieder nicht. Denn allerhand Fragen bewegen mich, zu denen mir vielleicht bei dem Schlendern von Bank zu Bank etwas einfällt. Was ich hier, wie immer, fürchte ist nur, daß man schließlich auch im Zimmer friert.
Morgen ist unser 20. (standesamtlicher) Hochzeitstag. Besondere Feierlichkeiten sind nicht vorgesehn. Von den 4 Trauzeugen leben noch Frau Franke und Jenny Honig.
Heide Heß hat ihren Urlaub am Rhein verlebt und Bacherach als Stützpunkt gewählt. Sie war sehr befriedigt – natürlich, wenn man das ganze Jahr in Alpirsbach lebt!
Die Stadt Freudenstadt hat ebenfalls davon abgesehen, den 9. August = 50Jahrjubiläum meiner Ankunft in größerem Stil zu begehen. Damit aber
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| kommt nun auch das Jubiläum von Griesbach. Damals gab es schon ein Kraftpost über den Kniebis. Aber man ging zu Fuß auf der ruhigen Landstraße.
Es ist heute der 2. Tag Deiner Alleinwirtschaft. Hoffentlich kannst Du es schaffen. Ich bitte noch einmal, jede Hilfe heranzuziehen und Ausgaben dafür nicht zu scheuen. Ich gedenke Deiner auf jedem Wege, obwohl wir hier nicht zusammen waren. Aber vor meinen Augen liegt Lindau (wo es auch mörderlich geregnet hat) Dann fuhren wir via Konstanz, Waldshut, und ich schwankte in Mühlheim nach Badenweiler zu Kerschensteiner ab.
Ich werde diese Zeilen um 18 ¾ in den Kasten stecken. Sieh doch mal zu, ob sie dann noch am Samstag Nachm. eintreffen. Künftig werde ich wohl nur pragmatische Karten schreiben, denn der Schreibtisch ist nicht sehr bequem. Und nun sei herzlichst von uns beiden gegrüßt. Möge es Dir – auch stimmungsmäßig – recht gut gehn!
Eben zieht wieder (nach Föhntag) eine gewitterdrohende Wolke auf.
Innigst überall und stets
Dein
Eduard