Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. August 1954 (Heiden)


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Heiden, den 30. Aug. 54.
12 Uhr.
Meine geliebte Freundin!
Die Karte von gestern war sehr inhaltslos. Unsre Abreiseplane haben sich dahin geändert, daß wir heute noch hierbleiben und auf das Zusammentreffen mit Zollingers in Schaffhausen verzichten. So kann ich Dir noch von hier den innigen Gruß zum 31.8. senden. Im vorigen Jahr mußten wir auf eine eigentliche Feier verzichten. Dies Jahr geht es Dir wenigstens ordentlich. Ich wünschte mir, daß wir das Jubiläum an einem schönen Ort bei Heidelberg, im Freien essend, nachholen könnten. Bisher haben wir mit Bezug auf das Wetter nichts versäumt. Auch heute, am Abschiedstag, ist hier alles verschleiert, so daß man nicht einmal den See sieht.
Ich freue mich, daß Du jetzt wieder im geordneten Betrieb lebst. Hoffentlich geht es auch Frau Héraucourt besser! Die Besuche bei Ihr sind für Dich immer weit und anstrengend.
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Wir waren also am Mittwoch (mit der Post 10 km) in dem schönen Trogen. Es herrschte ein kalter Regen, der den Blick verhüllte und die Stimmung senkte. Im Ort wurden wir von dem (liberalen) Pfarrer Boeni in dem reichen Pfarrhause freundlich mit Tee bewirtet. Dann fuhr er uns in s. Auto in den höher gelegenen Teil, das Pestalozzidorf. Dort zeigte uns der Leiter, Herr Bill, ein noch junger Lehrer, alles, was charakteristisch war, – nur keinen Zögling, denn alle 8 Nationen waren noch in den Ferien.
Am Freitag Nachm. fuhren wir mit der Post nach St-Gallen (15 km.) Die Stadt stand am Vorabend eines 500jähr. Jubiläums, zeigte viele Fahnen und wimmelte von Menschen. Sonst bietet sie nicht viel. Der Direktor des Erziehungsinstituts auf dem Rosenberg, ein alter Hörer und Gönner, Gademann, bewirtete uns in seiner (recht wohlhabenden) Privatwohnung zum Kaffee und zeigte das Institut, das ich schon vor 25 Jahren gesehen habe, wenigstens von außen. Er brachte uns dann zu
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| der Witwe des früh verstorbenen Professors an der Handelshochschule, Lisowsky, der mir sehr zugetan gewesen war. Deren 16 jähr. Sohn wieder brachte uns zu seinem Lehrer, dem Dir bekannten Dr. Jakob Steiger. Er hat sich verheiratet, besitzt 2 Kinder, und das dritte wurde unmittelbar erwartet. Dies beeinträchtigte wohl das Gespräch. Er machte den Eindruck eines tüchtigen, in seinem Beruf voll aufgehenden Studienrats. – Recht ermüdet kamen wir nach H. zurück.
Nun blieb von den Projekten nur noch St. Anton, ein hervorragender Aussichtsort 1139 m (Heiden 810.) Ein guter Wanderer kann ihn in 1½ Stunden erreichen. Wir fuhren mit der Post auf eine Höhe von ca 940, hatten dann 1½ Stunden allmählich ansteigenden Weg über weite wellige Matten. Oben war nicht die Spur von Aussicht. Insofern war das Unternehmen zwecklos. Aber es war wenigstens ein Wiedersehen mit dem Hause, in dem die Geschichte von Prinz und dem Kätzchen spielt. Abstieg in ¾ Stunden nach Oberegg; dann Post.
In der Nacht wurde mir schlecht. Ich dachte erst, das käme von der Über
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|beanspruchung des Herzens. Aber in der Hauptsache war es aber ein regelrechter Durchfall, der heute vorbei ist.
Der Zufall wird es fügen, daß ich morgen, genau an dem Tage, an dem ich vor 50 Jahren mit Fritze Mahn zum ersten Mal am Bodensee war, wieder in Konstanz sein werde.
Obwohl ich gern noch mehr Persönliches sagen würde, bitte ich Dich, mir zu verzeihen, wenn ich aufhöre und alles Innerliche dem stillen gemeinsamen Gedenken und Danken überlasse. Ich schreibe hier unter den ungünstigsten Bedingungen: Tinte alle, Papier feucht, Feder hart. Was aus dem Herzen kommt, möchte unbehindert aufs Papier fließen.
Die Ruhe hier war einzig, die Leute nett, die Erholung ist mittel. In meiner Verfassung gibt man infolge der veränderten Lebensbedingungen ebenso viel fort, wie man gewinnt. Auch fehlt das Element der erhobenen Stimmungen. Nähren wir uns also weiter vom unendlichen Schatz der Vergangenheit!
Susanne grüßt herzlich. Auch sie leistet nicht mehr so viel wie früher.
Ich bin in innigem Verbundensein bei Dir und wünsche ein gutes Befinden.
Dein Eduard