Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. September 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 26. Sept. 54.
Meine geliebte Freundin!
Unser Zusammensein war diesmal besonders schön; ein Beweis, daß weder das Wetter noch Dein etwas lichtarmes Zimmer noch Dein Kaffee an die Kräfte unsres seelischen Bezirks störend herankommen können. Ich danke Dir für diese Stunden innig.
In Stuttgart beim Umsteigen in den Zug auf dem gleichen Bahnsteig wurde ich pitschenaß. In Tübingen kam ich mit 20 Min. Verspätung an. Susanne war schon aus dem verregneten Alpirsbach zurück, nach allerhand Abenteuern mit dem Bahnbus.
Für die – allerdings verbotener Weise – nachgesandten Zigarren danke ich vielmals. Aus Deinen Begleit
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|zeilen erfuhr ich von den Misslichkeiten im Hause Ruge. Die Menschen unsrer Tage kommen eben selten mit einer Ehe zurecht. Wie wird es erst sein, wenn man von jedem 3. Kinde ab vom Staat ein Douceur erhält!
In der Zwischenzeit haben wir hier Besuch von Dr. Ishibashi gehabt, mit dem wir in Japan die hübsche Frühlingsfahrt gemacht haben. Außerdem haben wir Elli Ney Beethoven spielen hören. Endlich habe ich das sehr beachtliche, aber auch anstößige und anfechtbare Buch von Weinstock (Frankft M) "Die Tragödie des Humanismus gelesen.
Gestern früh bin ich mit unsrem Rektor zur Eröffnung des Kongresses für Philos. nach Stuttgart gefahren. Der Anfang war zahlenmäßig <Wort unleserlich>, obwohl Ebbinghaus einen ordentlichen Vortrag hielt, übrigens in dem (wieder
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|hergestellten) Riesensaal, in dem wir 1922 die große Pleite mit meinem Vortrag erlebt haben. Ich habe manchen alten Bekannten – auch weniger gute – wiedergesehen. In 1 Stunde fahren Susanne und ich mit dem Universitätsauto wieder nach Stuttgart zu der offiziellen Schellingfeier, die wohl stärker besucht sein wird. In der nächsten Woche werde ich wohl noch dreimal zu dem langweiligen Kongreß fahren müssen. Sehr ärgerlich! Denn ich habe viele Terminarbeiten
Ida, die Dich grüßen läßt, ist heute mit ihrem ganzen Club im Omnibus nach Titisee und Freiburg unterwegs. Das Wetter bleibt schlecht.
Von Johanna Richter hatte ich einen Brief, den ich gestern beantwortet habe. Schröbler ist jetzt in Pirna, immer noch im östlichen Zwangsdienst.
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Der Wolfsbrunnen war eine gute Idee von Dir. Es freut mich, daß Dir der Weg nicht zu anstrengend war. Ich bitte Dich, ja rechtzeitig zu heizen und nicht aus Sparsamkeit eine ungemütliche, ja schädliche Situation zu ertragen.
Künftige Termine: 6.–8.X Examina, 10.X Vortrag hier für die studierten Volksschullehrer, 16.X ff. Besuch von Holzhausens, 20.–23.X. DFG Bad Godesberg, eigentlich dann Goslar? (Unteilbares Deutschland) 29.X. Industriekonferenz (mit Litt) in Baden-Baden. Außer den Vorbereitungen ist noch ein großer Aufsatz fertig zu stellen. Also mehr als genug!
Wir beide grüßen Dich herzlichst und wünschen das beste Befinden.
Innigst Dein
dankbarer
Eduard

[] Wie war es mit Frau Biermann?