Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. November 1954 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 8. Nov. 54.
Meine geliebte Freundin!
Die Spärlichkeiten meiner Nachrichten beginnt, mein Gewissen zu belasten und bedrücken. Sie hat keinen anderen Grund als den, daß ich jetzt etwas ausarbeite, was mich innerlich stark beschäftigt. Entweder ist es eine verrückte Idee, oder etwas, das starke Wirkungen haben kann. Aber davon möchte ich noch nicht gern sprechen. Verzeihe also, daß ich so wenig geschrieben habe; wenigstens an Dich – denn an dem Ms. schreibe ich täglich 10 Seiten wie diese. Und dann reicht es nicht viel weiter.
Dein lieber Brief vom 1. bis 3. Nov. hat mich hoffen lassen, daß es Dir – trotz des Weges zu Frl. Dr. Clauß – mindestens so geht, wie man es "in unsren Jahren" braucht, um sich des Lebens still erfreuen zu können. Der andre Doktor hat Dich ja entlassen. Und die Unruhe der vielen Besuche hat aufgehört; von Zeit zu Zeit "sieht man ja jemanden gern."
[2]
|
Von hier ist Folgendes zu berichten. Die Tagung in Baden-Baden ist angenehm und anregend verlaufen. Man hat mich in einem schönen Auto durch Freudenstadt und das farbig Murgtal ans Ziel gefahren. Im Hôtel gegenüber dem glänzend erneuerten Kurhause traf ich gleich Litt. Er begleitete mich bis vor die Tür der Damen Glasenapp, die ich – nach langem Klingeln vorn und hinten – schließlich doch eine knappe halbe Stunde sprechen konnte. Am nächsten Tage sprach im Spiegelsaal des Kurhauses erst ich, dann Litt. Ein hochmodernes Aufnahmegerät stand gleich dabei, was besonders für Litts absolut freien, bis auf das letzte Tippelchen durchreifen Vortrag angemessen war. Mittags erhielt er das Telegramm, daß sein Sohn Rudolf den Assessor mit rühmlichem Erfolg gemacht habe. Bei dieser Gelegenheit sah ich den starken Mann in einer Bewegung, wie ich ihn niemals gesehen habe.
Um hier gleich das Weitere anzuknüpfen: Heute kam eine Karte von ihm, daß er seinen Arm überanstrengt habe und daß ihm wieder ein Gipsverband angelegt sei. Ich bin aufs höchste betrübt.
Die fruchtbare und hochstehende Diskussion am Nachmittag über industrie
[3]
|wichtige Erziehungsfragen dauerte 3 ¾ Stunden. Am nächsten Morgen brachte ich Litt zur Bahn und bat dann den Chauffeur der B.B.ner Handelskammer, mich nicht nach Tübingen, sondern nach Alpirsbach zu fahren. (Auf dem Hinweg hatte ich Susanne bis Freudenstadt mitnehmen können.) Der Einfall war ganz plötzlich, aber in vielfacher Hinsicht gut. Ich lernte die Hochschwarzwaldstr. kennen (Bühler Höhe, Sand, Plättig, Mummelsee, Ruhestein, Alexanderschanze, Kniebis) und kam via Freudenstadt, Loßburg ins Kinzigtal. Größte Überraschung! Rudger Heß sah ganz gut aus. Abends langweilige Rückfahrt mit der Bahn.
Am 4. November habe ich mein Seminar mit bis jetzt 25 Teilnehmern eröffnet. Am 5. abends habe ich mit guter Wirkung in der Ev. Studentengemeinde zu etwa 130 Neuimmatrikulierten gesprochen. Am sonnigen 6. fuhren wir nach Reutlingen, dann mit Omnibus nach dem ca 750m hoch gelegenen Gestüt St. Johann in der Alb. Wir gingen zu Fuß zurück bis, nach Eningen unter der Achalm. Gestern Nachm. waren die Ehepaare Rothfels und Markert bei uns (Osthistoriker.)
Heute Abend muß ich noch zu einer Veranstaltung des "Unteilbaren Deutschland". Der vortragende Dr. Schütz war eben schon bei mir
[4]
|
Ich rate Dir nicht, das dicke Buch von Weinstock zu lesen. Es ist zu ausführlich für den Hausbedarf. Wenn Du stattdessen das Buch ansiehst, das ich Dir geschickt habe, lernst Du etwas kennen, was ich noch nicht kenne. (!)
Heute ist eine ungute Nachricht von Frau von Holzhausen gekommen: Christiane hat ganz plötzlich am Blinddarm operiert werden müssen – im Königsteiner Krankenhaus. Es scheint gut gegangen zu sein. Denn sie schreibt schon selbst eine Briefseite, die mit den Worten beginnt "Schlimm, schlimm", und weiter berichtet, die die Ärzte hätten sie ermorden wollen; jetzt ließen sie sie verhungern. – Möge damit die Ursache des schlechten Gesundheitszustandes entdeckt und auch behoben sein!
Es wäre noch allerhand Kleines zu berichten. Aber ich bin nun auf der 20. Seite meines heutigen Schreibpensums angelangt und kann buchstäblich nicht mehr. Deshalb nur noch die Grüße der Hausgenossen und viele gute Wünsche Deines
getreuesten
Eduard.

[] Am Samstag werden mir 7 Japaner ihre Aufwartung machen.
[] Mein Schulfreund Hillgenberg ist an den Augen operiert
[] Nieschling ist hier.