Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. November 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 23. November 54.
Meine geliebte Freundin!
Hier ist immerzu etwas los. Mein Bericht hat, glaube ich, abgeschlossen mit dem Besuch der 7 Studenten und einer stud. med. aus Japan, die sich alle in dem Zimmer mit den Japansachen sehr wohl fühlten. Das war am 13. November.
Sehr viel mehr Aufregung vorher aber bereitete mir der Besuch des Grafen Otani mit Gattin und Sekretär. Er ist nicht nur Abt des Nishi-Honganji-Hauptklosters in Kyoto (wo er uns 1937 zu sich in einen schönen Garten eingeladen hatte), sondern außerdem Vetter des regierenden Kaisers, und also solcher "göttlichen Geschlechtes". Auch mit den Tokugawa soll er verwandt sein. Er meldete sich von Heidelberg (Harlaßhôtel!) aus an und wohnte in Stuttgart im Reichsbahnhôtel. Wir waren wegen des Zeremoniells sehr besorgt.
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Während wir gespannt zum Fenster nach dem fürstlichen Auto hinausschauten, kamen die drei gemächlich zu Fuß vom Bahnhof her angetrottet. Sie ist eine anmutige Erscheinung. Der Graf verstand gut deutsch und der vertrocknete humoristische Sekretär sprach nur deutsch. Also Gottlob kein Radebrechen auf Englisch.! Sie wurden dann mit Tee und annähernd japanischen Speisen bewirtet. Vom guten deutschen Wein waren sie schnell beschwingt. Als sie fortgingen, begleiteten wir sie zur Universität und zeigten die Räume. Dann nahm ich in der Wilhelmstr. einen kleinen Omnibus, in dem die 6 Personen – ich hatte noch einen japanischen, hier studierenden Professor hinzugeladen – gut Platz hatten. Wir fuhren durch die Stadt und auf das Schloß. Auf die Frage, ob sie auch bei uns noch Kaffee trinken wollten, gingen sie gern ein. Der letzterwähnte Japaner holte auf Otanis Wunsch noch einen anderen der hier Studierenden hinzu, der mit ihm [unter der Zeile] Otani verwandt ist und
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| außerdem ein reizend mobiler Kerl. So entfaltete sich eine regelrechte Gemütlichkeit, bis sie – nach Empfang von Blumen und Geschenken, – sehr vergnügt wieder abzogen, um nach Stuttgart zu fahren – mit dem Omnibus.
Der Graf und seine Begleiter hatten schon eine Weltreise durch Amerika und viele europäische Staaten hinter sich, waren auch schon in Berlin W. gewesen. Von einem bestimmten Zweck der Reise habe ich nichts bemerkt. Nur für theologische Dinge bestand einiges Interesse.
Am Nachmittag kam noch Paul Matussek, der aus England zurückgekehrt ist und nach Weinheim weiterfuhr.
Am Sonntag Nachm. war das Ehepaar Bähr bei uns, mit dem wir uns sehr gut verstehen.
Dann mußte ich mich in das Thema "Hausmusik" vertiefen. Der betr. Vortrag hat gestern Abend im Pfleghofsaal vor mehr als 300 Zuhörern, umrahmt von Streichquartett, stattgefunden. Meine Ausfüh
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|rungen, halb humoristisch, halb ernst, brachten für jeden irgend etwas Nettes und fanden lebhaften Beifall. Solche kleineren Sachen kann ich noch ganz gut durchführen, wenn ich erst oben auf dem Katheder bin. Aber die Aufregung vor Reden wird immer größer, so daß ich es nicht oft wagen darf.*) [li. Rand] *) Eine neue Behinderung: mit der Brille kann ich nicht reden, weil ich dann das Publikum nicht sehe. Ohne Brille finde ich mich in meinen Stichworten nur zurecht, wenn das Pult hoch u. gut beleuchtet ist. Die ganze letzte Woche war wieder allerhand an mir in Unordnung. Da sich hinterher noch ein Zusammensein im "Kaiser" einschloß, sind wir erst um ½ 1 ins Bett gekommen.
Heute habe ich nun mit der Vermögenssteuererklärung angefangen. Bei den komplizierten Fragestellungen ist das immer eine Aufregung und eine vieltägige Plage.
Sonst aber geht es mit den großen Ereignissen hier weiter. Am Donnerstag bekommt hier der Präsident Hoover den Ehrendoktor; mittags Festesssen, abends spricht Romano Guardini. Ich habe zunächst keine öffentlichen Vorträge zu halten.
Mein im Rohbau abgeschlossenes Ms. ist natürlich inzwischen liegen geblieben. Es dauert noch ein wenig, bis
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| ich dazu zurückkomme. Denn nun muß ich erst die Schlußansprache vom Stuttgarter Kongreß niederschreiben.
Auch Hillgenberg ist an den Augen operiert worden, ebenso wie Nieschling mit ganz befriedigendem Erfolg. Es ist erstaunlich, was unser Harms zuwege bringt.
Wenn man viel zu tun hat, kommt man leichter über die dunkle Jahreszeit hinweg.
Ich hoffe, daß Du doch noch auf den Panoramaweg gehen kannst. Das Wetter ist ja besser als je im Sommer. Immer aufs neue empfehle ich Dir, recht sorgsam auf die Straße und ihre Unebenheiten zu achten, ganz besonders bei Dunkelheit. Frau Rothfels ist gestürzt und hat sich den Ellenbogen gebrochen; er ist so zersplittert, daß Nägeli ihm nageln mußte. Litt wird erst Mitte Dezember wieder vom Gips befreit.
In der "Heimsache" empfehle ich vor allem, sich nicht aufzuregen.
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| Soll es sein, so wird es eines Tages von selbst kommen.
Christiane ist wieder gesund. Susanne und Ida grüßen Dich herzlich. Ich bin und bleibe Dein
wohlaffektiveierter
Eduard.