Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Dezember 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 2. Dezember 54.
17 Uhr.
Meine geliebte Freundin!
Schon seit einigen Tagen wollte ich Dir mitteilen, daß ich Dich am Sonntag, den 12. Dezember nachm. in Rohrbach zu besuchen gedenke. Da kommt heute Dein beunruhigender Brief.
Die Sache hat sich genau so entwickelt, wie ich es vorausgesehen habe. Dabei die Schuldfrage aufzuwerfen, ist eigentlich überflüssig. Denn das Kennzeichen psychopathischer Temperamente besteht ja darin, dass sie ohne Grund aufbrausen. Als Du Herrn W. sprachest, gab sie ja selbst zu verstehen: "Ich will mich ereifern". Wenn man trotzdem wenigstens einen "Anlaß" für den Ausbruch der schlechten Stim
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|mung sucht (und nicht den November dafür nehmen will), dann ist es natürlich die Überforderung der Gastfreundschaft durch den Doppelbesuch. Und was den betrifft, so muß ich mich bemühen, die Ruhe zu bewahren. Vielleicht ist es der Frau W. ebenso gegangen. Aber das ist ja ein Thema für sich.
Was nun Deinen Plan betrifft, daß ich mit einem Brief vermittelnd eingreifen soll, so sagt mir mein ganzer Instinkt, daß das psychologisch ganz falsch wäre und die Lage nur unheilbar machen könnte. Selbst wenn der Inhalt meines Briefes wäre: "Sie haben mit Ihrer Verstimmung vollständig Recht" – und natürlich möchte ich den Frieden nicht um diesen Preis erkaufen – selbst
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| dann bin ich nicht gewiß, daß diese Einmischung eines dritten freundlich hingenommen würde. Du mußt bedenken: Leute wie ich haben in dieser Schicht nicht die Spur von Autorität.
Eher könnte ich es, wenn wir vorher alles mündlich erwogen haben, um den 12.12. mündlich versuchen. Aber eigentlich meine ich, dies Übel heilt nur 1) die Zeit – bis zur nächsten Phase; 2) die Einstellung Deinerseits, auf alle Hilfe zu verzichten, bis die Stimmung besser wird. Allerdings müßtest Du dann für andere Hilfe sorgen. Denke nur an das Heizen! Bisher hat sich in der Nachbarschaft niemand finden lassen. (Das weiß "sie" natürlich und genießt dieses Machtbewußtsein.) – Schließlich aber muß man nach einem anderen Zimmer Ausschau halten, was vielleicht nicht mehr aussichtslos ist, nachdem die Amerikaner für sich so viel gebaut haben. Aber gerade im Winter wird es mit
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| einem Ersatz schlecht stehn. Das also bedarf gründlicher Überlegung. Ich bin nur in Sorge, ob und wie Du jetzt durchkommst. Denn das eigentlich schwierige Wetter kommt doch erst. (Du sollst die Abhängigkeit fühlen, das ist ihre Intention.)
Ich habe diese Konflikte durch Telepathie in den letzten Tagen gespürt und sogar von Dir geträumt, was sonst fast nie vorkommt.
Vor allen Dingen Zuversicht! Auch nachgeben, soweit Du es vor Dir im Hinblick auf die "Konstitution" verantworten kannst. Endlich: keine Sparsamkeit, unter der Du seelisch oder materiell leiden würdest! Ich schicke noch in dieser Woche.
Mein Plan war: Sonntag gegen 16¼ bei Dir zu sein und im Hause zu essen. Letzteres wird ja dann wohl fortfallen. Am Montag Vorm. bin ich bei Schmeil, dessen Rat und Hilfe ich dann gleich erbitten kann. Mittag äßen wir noch zusammen. Von 15–18 (meiner Abfahrt) habe ich doch noch Sitzung der DFG in der Universität.
Sehr betrübt und besorgt mit vielen Grüßen (auch von S. und I.)
Dein
Eduard.